Von Hans Ulrich Heizer und Tobias Mündemann

Ein schummeriger Flur, kahle Wände, Plastiksitze – mehr als ein dutzendmal hat Ruth Bach* hier im vierten Stock des Kölner Hansahochhauses gewartet, wo sich das Amt für Wohnungswesen um die Vermittlung von Sozialwohnungen kümmert. Seit die 37jährige im Januar ihre Wohnung verloren hat, ist sie obdachlos. Das Amt vermittelte ihr eine Notunterkunft, doch dort hat sie es gerade drei Nächte ausgehalten, dann ist sie bei Freunden untergekrochen. Jetzt muß sie sogar darum kämpfen, weiterhin als obdachlos zu gelten – schließlich habe sie jetzt eine Bleibe, argumentiert das Amt. „Man kommt ja schon einigermaßen hoffnungslos hierher“, sagt sie, „aber das ist der Wahnsinn.“

Der Wahnsinn ist längst Amtsalltag. Von den knapp 2000 Kölner Haushalten, die 1991 erstmals beim Wohnungsamt als „akut oder latent obdachlos“ eingestuft wurden, konnten gerade etwas mehr als 500 eine neue Wohnung beziehen. Sozialwohnungen sind knapp in der Domstadt, und sie werden immer knapper. Im Jahr 2000 werden nur noch zwei Drittel von derzeit 100 000 Wohnungen staatlich begrenzte Mieten haben.

Hansjörg Steiner, 58, ist ein bodenständiger Mensch. Seit mehr als vierzig Jahren arbeitet er in der Kölner Stadtverwaltung. Dabei hat er es vom Verwaltungslehrling bis zum Chef der Bauverwaltung gebracht. Seit 1967 wohnt er in einer Sozialwohnung in der Kölner Südstadt. „Als ich eingezogen bin“, sagt er, „habe ich gerade 1066 Mark verdient, davon mußte die vierköpfige Familie leben.“ Inzwischen aber verdient er gut das Siebenfache. Seine Sozialwohnung verlassen muß Steiner dennoch nicht, nur eine Fehlbelegungsabgabe von monatlich zwei Mark pro Quadratmeter an die Stadt zahlen. Zu den 750 Mark Kaltmiete kommen für die 82 Quadratmeter große Wohnung noch mal 164 Mark. Selbst wenn von 1993 an, wie von der nordrhein-westfälischen Landesregierung geplant, die Abgabe auf bis zu sechs Mark heraufgesetzt wird, will Steiner nicht ausziehen. Die Hausgemeinschaft, die Nachbarn, das sei nicht einfach austauschbar.

Der Crash auf dem Wohnungsmarkt hat nicht nur aus den verpönten Sozialwohnungen ein begehrtes Gut gemacht, sondern auch Risse in der Sozialwohnungslandschaft aufgedeckt.

Erstens: Es gibt viel zuwenig Sozialwohnungen, um auch nur annähernd alle Anspruchsberechtigten darin unterzubringen. Rund 6,5 Millionen berechtigten Haushalten in den alten Bundesländern stehen nach Schätzungen nur etwa 3 Millionen Sozialwohnungen gegenüber. Das Mißverhältnis trifft vor allem jene Haushalte, die neu auf dem Markt auftreten: junge Familien, geschiedene Eheleute, Alleinerziehende, Ausländer und Aussiedler. Allein in Berlin sind rund 120 000 der insgesamt 420 000 Sozialwohnungen fehlbelegt. Bundesweit, so hat Rudi Ulbrich vom Darmstädter Institut Wohnen und Umwelt ermittelt, sind „vierzig Prozent aller Sozialmieterhaushalte als fehlsubventioniert einzuschätzen“.

Zweitens: Die ohnehin zu geringe Zahl der Sozialwohnungen schrumpft beständig. Jedes Jahr fallen etwa 150 000 Wohnungen aus der sogenannten Sozialbindung, weil die Staatsdarlehen zurückgezahlt sind. Der Sozialneubau, 94 000 Wohnungen im vergangenen Jahr, reicht nicht, um dies wettzumachen.