Von Hubert Winkels

Der Roman verschlägt einem die Sprache. Nicht etwa, weil sein Thema, der menschenverachtende Wahn und die menschenvernichtende Praxis des Nationalsozialismus, den Leser bedrängte, nicht etwa, weil das Schicksal des jungen Helden, des tumben, sich in Leiden und Liebe läuternden Helden Reinhold Fischer ihn rührte. Nein, die Sprache selbst ist es, diese metaphorisch überanstrengte, dauererregte, mit Märchen, Mythen und Mystik vollgesogene und aufgespreizte vorgebliche Darstellung eines seelischen Innenraums der Geschichte, diese laute und falsch tönende Darstellung deutscher Phantasmen, die einen nach 350 Seiten empfindungslos und leer zurückläßt. Als ob man nach einem großen Lärm eine Weile nichts mehr hört.

Mit einer parabelhaften Erzählung fängt der Roman an. Jung-Reinhold hatte mit der kleinen Rachel zusammengelegen und Vater und Mutter gespielt. Vater Heinrich hat sie erwischt und schlägt nun mit einem Brett, aus dem der Sohn eine Ritterburg bauen wollte, auf die beiden ein. Reinhold wirft sich über Rachel, damit der Vater sie nicht trifft. Ein deutscher Junge weint nicht, der Vater schlägt auch noch die Mutter, die dazwischengeht. Die Mutter weint. Reinhold findet Rachel weich und weiß und heilig; was es bedeutet, daß sie eine Jüdin ist, weiß er nicht. Am Ende des Romans trifft Reinhold, aus dem Krieg in die heimatliche Kleinstadt zurückgekehrt, Rachel wieder. Sie ist eine Überlebende, gezeichnet von der Verfolgung. Reinhold hört ihre Geschichte und will sie schützen.

Dazwischen liegen die Jahre des „Dritten Reichs“, die der Roman entlang seiner Hauptfigur erzählt. Reinholds Vater ist beim Versorgungsamt angestellt und nimmt seinen Sohn mit zu den Ärmsten der Armen, den Verrückten und Kriegsversehrten. Der Vater tritt in die SA ein, Reinhold ins Deutsche Jungvolk. Der Vater redet von deutscher Größe, der Sohn von Ehre und Treue, doch schon sind andere Töne im Spiel. Die Verrückten reden von herrlichen und tödlichen Engeln, der Untermieter Butz von Thulerittern und reinrassigen Nordlandtöchtern, der Pfarrer vom Obersten der Dämonen, der die Menschen durch das Böse prüft, der Kaplan weiß, daß der Jude kein Mensch ist, sondern Wort und Zahl, und Reinholds verehrter Freund Hanno von Wolfsberg, daß der geheimnisvolle Weg nach innen führt, daß man die Seele in den Traum schicken muß und daß Schreiben Krieg führen heißt.

Kaum eine Figur spricht im normalen Alltagsjargon, alle deklamieren, phantasieren oder philosophieren. Das Personal des Romans redet in Stimmen. Einiges läßt sich identifizieren: Paul Lagarde, Alfred Rosenberg und Houston Stewart Chamberlain geben die markig-deutschen Stichworte, manchmal wabert es wagnerisch, manchmal tönt Nietzsche aus Schülermund, Novalis und Hölderlin kreisen um ein tieferes Innen, die Offenbarung des Johannes steuert Apokalyptisches bei, gnostisches Wissen erinnert an die böse Schöpfung, kabbalistische Weisheit an die Immaterialität der Schrift.

Das alles könnte angehen, wenn es der Darstellung einer intellektuellen und psychischen Verwirrung diente, eines geistigen Ringens auch oder einfach eines Wahns. Das Problem ist aber, daß die Sprache des Romans selbst vom raunenden Beschwören, von der ungehemmten Phantasmatik, von der rauschenden und berauschenden Bilderflut wesentlich geprägt ist; daß die Darstellung selbst dem Dargestellten unterliegt.

Der Roman hat die Nähe zum synkretistischen Jargon zwischen nationalsozialistischer Weltanschauung und mystisch-religiöser Gegenführung gesucht und ist darin umgekommen. Man kann den Konstruktionsfehler auch kühl benennen: Ulla Berkéwicz’ Erzähler ist ein Wechselbalg, mal hektischer Berichterstatter, mal Stimmenimitator; meist nimmt er im inneren Monolog die Perspektive des jungen Reinhold ein, zwischenzeitlich schwingt er sich jedoch zum distanzierten Beobachter auf; letztlich ist er selber ein delirierender Teil des deliranten Romans.