Von Paul Kersten

Die Faszination, die von diesem Buch ausgeht, ist so nachhaltig, daß sie auch von der Enttäuschung über das Scheitern einer kühnen poetischen Vision nicht ausgelöscht werden kann. Es geht um ein Paradoxon. Es geht um die in „lichten Momenten“ tagträumerischer Hellsicht gewonnene „andere“ Wahrnehmung der Welt und die Unmöglichkeit ihrer sprachlichen Artikulation. Es geht um den Grenzübertritt vom Schlaf ins Erwachen, um das epiphanieähnliche Aufleuchten der Dinge, um die Vertauschung der Dimensionen von Innen und Außen, um die Verwirrung und Schärfung der Sinne in Augenblicken imaginärer Zeitlosigkeit.

Es geht um Mystik. Nicht um die seit Jahrtausenden überlieferte Er-Innerung göttlicher Prinzipien und Kräfte, sondern um eine das Religiöse übersteigende, der literarischen Inspiration dienliche säkularisierte Form der Entgrenzung, um die rationale „taghelle Mystik“ eines Robert Musil, um den „anderen Zustand“, um die Augenblicke „profaner Erleuchtung“, in denen Walter Benjamin die „Aura“ der aus der Zeit gefallenen Dinge erspürte. Und es geht nicht zuletzt um eine Stadt, die dem halluzinatorischen Blick des Flaneurs in den wechselnden Farben ihres Himmels und im Licht ihrer Steine eine Ahnung ihres „Geheimnisses“ offenbart. Es geht um Rom und um den Tag des Abschieds, den einer nimmt, der ein Jahr dort gelebt hat.

Schon in seinem autobiographischen Text „Die Schrift vom Speicher“ hatte Klaus Modick einen Abschied beschrieben. Darin wurde der letzte Besuch des Ich-Erzählers im leerstehenden Haus seiner Kindheit zur Wiederbegegnung mit einer verloren geglaubten Zeit. Die scheinbar toten Dinge im Haus zeigten sich aufgeladen mit Augenblicksbildern, die sich dem Kind, auch wenn sie sich für Jahrzehnte im Dunkel des Vergessens verflüchtigen, als unverlierbare Erinnerungen einprägten und jetzt wieder aufschienen.

„Das Licht in den Steinen“ ist eine Fortschreibung von „Die Schrift vom Speicher“. Kein Roman, sondern erzählende, essayistische und lyrische Prosa, meditativer Exkurs und poetologischer Traktat zugleich. Ein Schriftsteller, identisch mit Klaus Modick, der ein Jahr in Rom verbracht hat, erzählt den letzten Tag in der „Ewigen Stadt“. Noch vor Tagesanbruch läßt er sich im Taxi auf einen der Hügel fahren, um den Sonnenaufgang zu erleben. Sein Weg führt ihn im Laufe des Tages über Plätze und Treppen, durch Ruinen, Kirchen und Palazzi, deren illustre Namen ausgespart bleiben.

Von den Traumbildern des Halbschlafs, die das Erwachen am Morgen schenkt, bis zur Abenddämmerung und der hereinbrechenden Nacht zeigt sich die Stadt in die Atmosphäre einer vertrauten Fremdheit und sinnlichen Irrealität getaucht, eine Stadt, die der Flaneur nicht suchen, sondern finden, „selbst erfinden“ will. Er überläßt sich dem „Aroma“ und der „Melodie der Stadt“. Überall, in den Hauswänden, in den Strukturen der Steine, in den Mosaiken, in Mustern und Rastern liegen „Botschaften verschlüsselt“, die „zu entziffern nur dem gelang, der diese Stadt endlich in seine Träume versenkt hatte, statt ihrem trügerischen Tagbild zu trauen“. Jedes Detail wird plötzlich transparent für eine zeitlose „Wirklichkeit hinter den Dingen“, für ein „inneres Lächeln der Gegenwart“.

Die Augenblicksbilder, in die Modick seine visuellen und akustischen Impressionen umsetzt, sind von großer Suggestionskraft und beinahe körperlich nachempfindbarer Intensität, bildliche Korrelate einer „anderen“ Wahrnehmung. Da sind die „Flügelschläge von Fledermäusen, deren zuckende Bahnen wie Risse aus dem mattschwarzen Lack der Septembernächte brechen“. Da stellt sich kurz vor Morgengrauen das Gefühl ein, „die von den Bäumen rieselnden Blüten hören, ihren taumelnden Luftzug hören zu können“ und als „vagen Druck der Atmosphäre“ zu empfinden. Und da wird beim Beginn der Mittagsruhe „das Rasseln der Rolläden an den Fenstern als grün verdämmernder schläfriger Klang“ wahrgenommen.