Von Rolf Michaelis

Skandal. Schon haben entgeisterte Dauergäste ihr Abonnement gekündigt. Am Sonntag, 26. Juli, werden die Salzburger Festspiele nicht – wie seit Jahrzehnten – mit einer Oper eröffnet, sondern mit einem Schauspiel. Premierenbeginn: nicht an dem für Abendkleid und Smoking günstigen, kühlen Abend, sondern in der Gluthitze des Nachmittags, 15 Uhr. Auch noch in einem Freiluft-Theater, der Felsenreitschule. Auf dem Programm? Ein „Trauerspiel in fünf Akten“. Eine „Römer-Tragödie“ aus dem Jahr 1599, die bei deutschen Anglisten nicht in bestem Ansehen steht („kein völlig ausgereiftes Drama; nicht ganz befriedigende Zwiespältigkeit“: August Rüegg, 1951). Titel? „Julius Caesar“ (Deutsch nach A. W. Schlegel von Peter Stein). Regie? Peter Stein. Bühnenbild? Dionisis Fotopoulos. Kostüme? Moidele Bickel. Caesar? Martin Benrath. Marc Anton? Gert Voss. Brutus? Thomas Holtzmann. Cassius? Hans-Michael Rehberg.

Was ist an Stück, Aufführungsort, Spielzeit so aufregend? Haben die Festspiele in Salzburg, nach allerlei Vorgeplänkel, nicht mit einem Schauspiel begonnen, mit Hugo von Hofmannsthals „Jedermann“, am Nachmittag des 22. August 1920 vor der Fassade des Doms? Max Reinhardt frischte die Inszenierung auf, die er 1911 im Berliner Zirkus Schumann herausgebracht hatte. Damals, in der Zeit nach dem Weltkrieg, hatten die Gründer der Festspiele mit der österreichischen Bundesregierung um die Aufhebung von Einreisebeschränkungen für Ausländer als Besucher zu kämpfen. Daraus folgte Streit mit dem Staatsamt für Volksernährung, das die Freßsucht der Fremden mit 54 000 Kilo Mehl, Reis und einem Waggon Fett ausgleichen mußte. Hofmannsthal, Reinhardt und alle anderen Künstler verzichteten auf ihre Gagen. Nur Werner Krauß bestand auf dem Honorar einer „Lederhose“. Krauß spielte den „Tod“. Da kann man ein Schutz-Verlangen verstehen.

„Welche Welt, in die wir geraten sind! Das nackte Gebälk tritt hervor und zittert bis in die Grundfeste.“ Sind das Worte der Jahre 1991/1992? Ist die Rede vom Zerfall des „Ostblock“ genannten Zwangsvereins vermeintlich sozialistischer Staaten? Oder spricht hier jemand, der in Österreich den Donner der Kanonen hört, mit denen sich der einst zur Habsburger Monarchie zählende Vielvölkerstaat der Slowenen, Kroaten, Serben, Bosniaken, Montenegriner und Albaner auseinander schießt?

Die Sätze schreibt einer der Mitbegründer der Festspiele (neben Reinhardt und Richard Strauß), Hofmannsthal, 1919 dem Schweizer Freund und Diplomaten, dem späteren Völkerbund-Kommissar in Danzig, Carl Jacob Burckhardt.

Der Theater-Mensch Max Reinhardt denkt ähnlich – aber als Praktiker schon in die Zukunft: „Es hat sich gezeigt in den Stürmen dieses Krieges, daß sich die Kunst des Theaters nicht nur behauptet hat, daß sie nicht nur ein Luxusmittel für die Reichen und Saturierten, sondern ein Lebensmittel für die Bedürftigen ist.“

Wie klingen uns, kurz ehe 1993 eine europäische Staatengemeinschaft zum ersten Mal auf die Bühne der Weltpolitik tritt, solche Sätze in den Ohren: