Von Klemens Polatschek

Wenn Bescheidenheit eine Zier ist, dann ist Techno reichlich häßlich. Letztes Jahr noch war Techno eine Musik, die im "Tresor" und zwei anderen Berliner Diskotheken gespielt wurde und ein paar Anbetern über schwarze Nächte und graue Tage hinweghalf.

Wie jede Bewegung fand Techno bald seine Ideologen. Irgendwer taufte Techno auf "Tekkno" um und machte so die Richtung klar: mehr Härte. Der Berliner Diskjockey Wolle Neugebauer hielt fest, bei dem neuen Stil handle es sich um eine "kulturelle Revolution"; als solcher hatte er die Musikgeschichte zurück in den Dreck zu stampfen, aus dem sie geschaffen wurde: "Rock ist reaktionär. Leute, die heute Rockmusik hören, sind reaktionär, leben in der Vergangenheit. Tekkno beendet diese Zeit endgültig." Donnernde Worte, mit denen der Trend abhob.

Zur Jahreswende kommen 6000 Tekkno-Tänzer zur ersten "Mayday-Party" in einer Fabrikhalle in Berlin-Weißensee zusammen. Für die Fortsetzung bewerben sich bei den Berlinern zwei Dutzend Städte, genauer gesagt deren Techno-Szenen. Den Zuschlag bekommt Köln.

Am 30. April, acht Uhr abends, winken vier Flakscheinwerfer mit dicken Lichtfingern in den Himmel über dem Kölner Eisstadion und sagen der ganzen Stadt: Tekkno ist hier. Drinnen wummert es undefinierbar. Hunderte Menschen drängen sich an den Gittern zum Einlaß. Wohl die Mehrheit ist noch keine zwanzig.

Die meisten sind so verkleidet, wie Tekkno es gebietet. Am beliebtesten (in aufsteigender Reihenfolge): Gasmasken, Bauhelme mit blinkenden Leuchtdioden, Teesiebe als Sonnenbrillen, fluoreszierende Straßenfeger-Westen, Wegwerf-Overalls für Malerarbeiten, Basketballmützen. Die Mindestanforderung: eine winzige Sonnenbrille, eine weiße Filtermaske für den Mund oder eine Trillerpfeife, um die Musik anzufeuern, sowie verschiedenfarbige Leuchtstäbe.

Halb Europa scheint angereist zu sein; ein paar, die mit dem Auto aus Bratislava kommen, bemühen sich um Karten, aber es ist längst alles ausverkauft. Aus den größeren Städten Deutschlands haben die Fans Reisebusse organisiert wie für einen Schulausflug in die Ekstase. Die Musik ist die Droge; manche helfen mit Pillen nach.

Die anwesenden Erwachsenen erwarten offensichtlich einen Blitzkrieg gegen das Hörvermögen. Daß sich die Rotkreuzmenschen in der Halle dicke Ohrenschützer überstülpen, ist verständlich, können sie sich doch den Ort von Katastropheneinsätzen nicht aussuchen; daß jedoch selbst Veranstaltercrews sich rosa Spezialwachs in die Ohren stopfen, wirkt bei allem Verständnis für die Ängste älterer Menschen etwas jämmerlich.

Und dann die Halle. Einer der Organisatoren versichert, die hier verwendeten Lautsprecher Marke Magic-Bassline würden in den USA zur Erdbebensimulation eingesetzt. Um nur das zu sagen: Sie erfüllen ihren Zweck. Grüne Laserstrahlen durchschneiden die Nebelschwaden; psychedelisch verfremdete Videos laufen auf großen Projektionswänden; manchmal rühren tiefblaue Scheinwerfer in der Masse der Menschen; mechanisch winken die Leuchtstäbe. Die meiste Zeit aber ist nichts zu erkennen außer den Blitzen der überdimensionalen Stroboskoplampen. Ab elf ist die Halle voll; 10 000 sind sicherlich da.

Man kann also sagen, daß Techno eine reizende Kombination aus High-Tech und Atavismus ist. In den Plattenrillen schon ist die Steinzeit verewigt; im Verein mit dem Trillerpfeifen des Publikums, das jedes Baßtrommeln in Fetzen haut, gemahnt das Gestampfe aber endgültig an eine Sambaschule für Mammuts. Es gab im Sektor Musik schon Eleganteres.

Die Anfänge des Technos werden je nach Standort gern in Deutschland (Kraftwerk, siebziger Jahre), England (Human League, Depeche Mode, New Order, achtziger Jahre) oder gar Belgien (Front 242, "Electronic Body Music", späte achtziger) gesehen. Der eigentliche Anstoß geschah in Detroit – das synthetische europäische Urmaterial und der schwarze Soul verschmolzen um 1986 zu einem Stil namens House. In Großbritannien wurde er zum Acid House. Zu den großen Parties in leerstehenden Lagerhäusern und schließlich auf freiem Feld, Raves genannt, kamen zuletzt bis zu 30 000 Menschen und warfen jede Menge "party smarties" ein, ekstasefreundliche Chemie. Die Formeln sparen wir uns; der Bewegung ist sowieso die Luft ausgegangen.

Aus House wurde Post-House, Hard-House, Techno, immer noch beatversessener. Und nun also spielt "die härteste Tanzmusik der Welt in Deutschland", wie überall zu lesen ist. Das heißt, daß die Berliner Szene es tatsächlich geschafft hat, den Techno zum Tekkno zu machen: nämlich keine Worte, keinen Gesang mehr zu dulden, noch die letzten Melodiefasern vom harten House zu schaben und nur mehr den reinen Knochen übrigzubehalten. Oder, Verzeihung: das Brett.

"Bretter" nennen die Technozisten ihre Platten, die aneinandergekoppelt, gemischt, gescratcht, computermanipuliert jenen Strom von galoppierenden Beats und verzerrten Geräuschen liefern, der die Nächte füllt. Wenn Techno Expressionismus ist, dann ist Tekkno Dada.

Daß sich die Leute so etwas stunden- und tagelang anhören, ist schon eine bedeutende Neuerung – zusätzlich schön, daß die Akteure ihre Bretter auf preiswerten Computern und Synthesizern gleichsam im Kinderzimmer zusammenbasteln und unter Phantasienamen in Kleinstauflage pressen lassen. Eine beinah anonyme Kunst; sie spielt nicht im Radio und nicht zu Hause, sondern nur in der Diskothek. Erst mit den Veranstaltungen auf "Mayday"-Niveau ersteht der Starkult auf, das "Gespenst aus der Rock-’n’-Roll-Gruft", wie ein Fanzine ihn nannte: Auf der Bühne zwischen den Computerbatterien die DJs und ihr vortanzender Begleittroß, und drei Meter weiter unten jubelt die Menge.

Das wichtigste Thema in der verglasten Vip-Lounge nebenan, wo man sich mit einiger Mühe auch mündlich verständigen kann, ist das sich ankündigende Massengeschäft, das schon Punk und Acid House hell und schmerzvoll abbrennen ließ. Wie lange die Leute Tekkno lieben werden, wisse ja niemand, stellt einer der Realisten unter den Organisatoren fest, mit Blick auf die gurgelnde Masse um drei Uhr früh. Es ist auch nicht wichtig. Für den Sommer 1992 reicht es allemal; so mag mit dem gigantischen "Mayday" das Ende von Tekkno ruhig herandröhnen.

Die Fundamentalisten schimpfen derweil auf die "gegenwärtige blindwütig-industrielle Kommerzialisierung", kurz auf die großen Plattenfirmen. Techno, im deutschen Tekkno-Fleischwolf mit untergründigen Versprechungen angereichert, schwappt eben zurück nach Großbritannien und in die USA; die Konzerne erinnern sich an ihre Aufgaben und nehmen alles Verwertbare unter Vertrag. Das ist nicht leicht bei Künstlern, die anonym produzieren; doch am Ende dürfen wir Namen wie N-Joi, Midi Rain, T99 und Quadrophenia in den Hitparaden begrüßen. Nun mischt sich im Underground ein unangenehm deutscher Stolz, einen Trend gemacht zu haben, mit allerlei Verfolgungswahn. Zum Beispiel dem, daß die Plattenkonzerne ausgerechnet jetzt die alte Maxi-Single abschaffen, um dem Diskotheken-Techno eins auszuwischen – mit der neumodischen CD kann er nämlich wenig anfangen.

Das ist alles gleichermaßen übersteigert wie die Befürchtungen älterer Semester, der unpolitische, roboterhafte Tekkno bringe die Zivilisation endgültig ins Grab. Tekkno ist alles in allem weder besonders laut noch besonders gesundheitsschädlich, sondern einfach das, was der Mensch heute zum Tanzen braucht. Die Geschmäcker ändern sich, und warum sollten Diskotheken um vier Uhr früh schließen, statt tagelang ohne Unterbrechung geöffnet zu sein?

Das Morgengrauen kommt ohnehin immer. Am Freitag, dem 1. Mai, um elf Uhr vormittags hält auch in Köln die Musikwalze an, nach fünfzehn Stunden "Mayday".

Es regnet in Strömen, unter allen Vordächern drängeln sich jene, deren Reisebusse noch nicht bereitstehen. Einige wenige haben es geschafft, daß die Musik kopf- oder bauchintern weiterspielt, und zucken noch so vor sich hin; die anderen wickeln sich in ihre nassen T-Shirts und Bauarbeiterjacken. Mancher sinnt über die Zusammensetzung eingenommener Mittel nach. ("Mann, hören die schwarzen Dinger denn überhaupt nicht mehr auf – was war’n das für’n Zeugs?")

Drinnen in der Halle bietet sich Beobachtern das klassische Bild des Grauens, dessen nähere Beschreibung hier unterbleibt. Ähnliche Ergebnisse werden sonst nur in teuren Großforschungsanlagen erzielt, in denen namhafte Experten unter amtlicher Aufsicht versuchsweise Müllhalden zur Explosion bringen. Jedenfalls schluckt Techno weit mehr Cola als Bier. Die letzten aus der Hundertschaft von Security-Leuten verlassen die Arena: sympathische Leute, wie immer; wahrscheinlich müssen sie jetzt direkt anschließend ein Nilpferd schlachten, man wüßte sonst gar nicht, wozu die ellenlangen Trappermesser gut sein sollen, die an ihren Gesäßen schlenkern.

Wer konnte, hat sich schon im Lauf des Vormittags zur "Mayday"-Verlängerungsparty in den Space-Club abgesetzt. Das ist die Tekkno-Disko von Köln, ein Hinterhofgebäude im Gewerbegebiet, das sich von außen am ehesten danach anhört, eine durchgegangene Stahlpresse zu beherbergen, die alle paar Sekunden in einen neuen, noch wilderen Rhythmus fällt. Auch hier wartet ein Pulk abgerissener Arbeiter mit weiten Augen auf Einlaß – eine halbe Stunde lang und mehr.

Innen kriegen sie, was im Eisstadion gefehlt hat: Der Schweiß rinnt von den Wänden, undes ist Platz zum Tanzen, denn nur eine Minderheit will die Ekstase auf vierzig Stunden verlängern. Hier findet sie die ewige Nacht, die so birst vor Energie, daß die Uhren zu ticken aufhören und die Kleider im Baßrhythmus zu flattern anfangen – Glücksmomente. Das Leben geht erst weiter, wenn an der Kasse beim Ausgang des Space-Clubs die gesammelte Getränkerechnung zu begleichen ist. Auch da bildet sich wieder eine ausdauernde Schlange, bis Samstag morgen, als nach anderthalb Tagen "Mayday" einstweilen verstummt.

Das Leben eines Tekkno-Fans setzt sich zusammen aus Stehen und Warten, Stehen und Warten. Ein Grund mehr, dazwischen möglichst lang im Lärm zu baden.