BREMEN. – Sein Innenleben wirkt geheimnisvoll. Lauter bunte Strippen laufen zusammen und wieder auseinander, Schalter und Knöpfchen scheinen das Chaos nur grob ordnen zu können. Der Blick in den Schaltkasten an der Straßenecke ist allerdings nur von Amts wegen möglich, und so bleibt das Geheimnisvolle verborgen hinter langweilig-grauen Blechtüren.

Tausende solcher Verteilerkästen säumen Bremens Straßen, schmuddelig sind sie anzusehen, einige plakatiert mit nun verwitternden Flugblättern, andere beschmiert mit Sponti-Sprüchen oder einem schlichten Krakel aus der Spraydose. Schandflecken sind das, mag so mancher Spaziergänger gedacht haben, um dann doch schulterzuckend seiner Wege zu gehen.

Bis Ingeborg Selzer zur Selbsthilfe schritt. Gleich vier Verteilerkästen gerieten der Hobbymalerin und ihrer Tochter unter den Pinsel, und fortan hüpften über die grauen Tristlinge Hasen, Mäuse und Vögel munter zwischen Gräsern und bunten Blumen umher.

Die Reaktion auf diese Malerei war, gemessen am unterkühlten Temperament der Bremerinnen und Bremer, gewaltig: Freude über diese Umweltverschönerung allerorten und der Wunsch, es möge nicht bei den vier Exempeln bleiben. Schließlich drang die Hobbymalerin mit ihrer Idee bis in die Schulbehörde vor. Diese ließ ganze Schulklassen ausschwärmen, Bremen schöner zu malen, vorsichtshalber unter Anleitung ihrer Kunsterzieher.

340 Schaltkästen haben Schülerinnen und Schüler seit 1988 in bunte Kunstobjekte verwandelt. Da fährt in einem Straßenbahnzug Bonner Prominenz zur „Berliner Freiheit“, einer Haltestelle der Bremer Straßenbahn. Da mahnt auf einem Tachometer eine Schnecke Autofahrer zum langsameren Fahren, an einer Stelle, an der zuvor Kinder überfahren worden waren. Da saust aber auch, mit fliegendem Schal, ein Frosch auf einem Motorrad vorüber.

Themen und Motive aus allen nur vorstellbaren Bereichen, und doch waren von Jahr zu Jahr weniger junge Menschen fürs Schönmalen Bremens zu begeistern. Deshalb kann und soll nun jeder in Bremen zum Pinsel greifen. Wetterfeste Farbe bezahlen die Organisatoren (Stadtwerke, Schulbehörde, Straßenbahn), und für das schönste Bild winken immerhin 500 Mark. Die Entwürfe, die Malwillige bisher eingereicht haben, stimmen die Veranstalter zwar hoffnungsfroh. Die Menge aber ist enttäuschend klein. Die Künstler haben es auf gerade mal 35 Schaltkästen abgesehen. Da bleiben am Ende noch immer Tausende in tristem Grau.

Gaby Schuylenburg