Von Ute Frevert

Heiß umboten", läßt der Verlag wissen, war Thomas Laqueurs 1990 in den USA erschienenes Buch "Making Sex" auf der Frankfurter Buchmesse des gleichen Jahres. Warum? War es die positive Resonanz, die das Werk des Geschichtsprofessors aus Berkeley in der amerikanischen Fachpresse gefunden hatte? Wohl kaum: Viele fremdsprachige Bücher erhalten daheim begeisterte Rezensionen, ohne daß hiesige Verleger nach ihnen Schlange stehen.

Oder war es schlicht der anzüglich-doppeldeutige Titel, der einen Verkaufserfolg zu garantieren schien? Auch das kann es nicht gewesen sein. Schließlich verwandelte sich das vielversprechende "Making Sex" unter der Hand des Übersetzers in ein bieder-altertümelndes "Auf den Leib geschrieben", und der modisch-prätentiöse Untertitel "Inszenierung der Geschlechter" weckt gleichfalls keine voyeuristischen Hoffnungen. Auch der Inhalt ist alles andere als leichtverdauliche Kost für neugierige Genußmenschen. Statt dessen: Wissenschaft pur, und kein Hauch von Sexologie.

So war hier wohl der oft beschworene Verlegerspürsinn am Werk, der nach neuen Trends, neuen Zeitgeistern Ausschau hält, immer auf der Suche nach Texten, die als Klassiker oder Trendsetter zu Ehren (und Marktanteilen) kommen könnten. Tatsächlich hat Laqueurs Buch dazu einiges zu bieten. Als Mischung aus Kultur-, Anthropologie- und Geschlechtergeschichte spielt es auf allen Klaviaturen, die zur Zeit einen guten Klang haben. Vollmundig verspricht es die "Öffnung neuer Welten des Sehens, der Politik und des Eros" – reizvolle Aussichten für ein Publikum, das den alten Welten offenbar immer weniger abgewinnen kann.

Worum geht es dem Autor? Ursprünglich, schreibt er im Vorwort, habe er das "Verschwinden des Orgasmus" untersuchen wollen, und wirklich kommt er auf diesen zentralen Punkt immer wieder zurück. Um keine Mißverständnisse entstehen zu lassen: Laqueur interessiert sich nicht für den Orgasmus, wie er von Menschen verschiedener Epochen und Kulturräume empfunden und erfahren wurde. Ihn beschäftigt vielmehr sein Stellenwert im Wissenssystem der Reproduktionsbiologie, also das, was berufene Experten – allen voran Mediziner, aber auch Philosophen, Theologen und Juristen – über den Zusammenhang von Orgasmus und Fortpflanzung zu sagen hatten.

Eine weitere Einschränkung tut not: Nicht der Orgasmus von Menschen allgemein steht im Mittelpunkt, sondern der von Frauen. Ihr Leib ist es, dessen Beschriftung und Inszenierung Laqueur untersucht. Damit folgt er den Vorgaben seiner Informanten. Ihnen war daran gelegen gewesen, die Differenz zwischen männlichem und weiblichem Leib zu bestimmen, eine Differenz, die per definitionem dem weiblichen, vom männlichen Standardmodell abweichenden Körper eingeschrieben war. "Wahrscheinlich", folgert Laqueur deshalb, "ist es nicht möglich, die Geschichte des männlichen Körpers und seiner Freuden zu schreiben, weil die historische Überlieferung in einer Kulturtradition zustande kam, in der eine solche Geschichte nicht nötig war".

Ebenjener Kulturtradition gilt Laqueurs Interesse. Wie kam es dazu, so seine Ausgangsfrage, daß der weibliche Orgasmus, der jahrhundertelang als Voraussetzung für Empfängnis gegolten hatte, seit dem 18. Jahrhundert auf einmal als beiläufig, entbehrlich und zufällig angesehen wurde? Auf welchen Wegen gelangte man zu jener "tiefergehenden Umdeutung des weiblichen Körpers im Vergleich zum männlichen", die im Zeitalter der Aufklärung Platz griff und das moderne Verhältnis der Geschlechter formte? Warum wurde eine "Biologie der Hierarchie" durch eine "Biologie der Inkommensurabilität zwischen zwei Geschlechtern" ersetzt – mit weitreichenden Folgen für die Handlungsräume und Machtpotentiale von Frauen und Männern?