Es gibt Havelländer Blasmusik unter Pickelhauben und fette Aale. Auf den Pauken steht "Ich wähle Penny Markt" und auf den Plakaten "Werder blüht auf". Vor der Hohen Gasse, der Festmeile, die zur Friedrichshöhe führt, ein Gitter und ein Aufpasser, der zwei Mark kassiert. Dahinter: Budenzauber rechts und links, Champignondünste, Weingummihalden, Klänge aus den Anden. Der Werderaner Saft, am Rande. Sonst ein Fest wie überall.

Der Bürgermeister und sein Kulturamtsleiter verbreiten Optimismus, denn die Havelstadt Werder, nah bei Berlin, feiert ihr 675. Bestehen und das 113. Baumblütenfest. Optimismus ist auch dringend nötig, denn noch im vergangenen Jahr sah es so aus, als würde kaum noch Obst aus dem schönen Havelland kommen. Schlagzeilen und trostlose Photos von gerodeten Apfelplantagen, ganze Baumstumpflandschaften verhießen das traurige Ende dieser alten Obstbauregion.

"Hier wurde die Banane der DDR gemacht", sagt einer und meint damit den Apfel. "In der schlechten Zeit", womit die DDR gemeint ist, "wurden die Böden doch völlig überdüngt. Wir mußten dermaßen große Erträge erwirtschaften, daß große Teile davon auf den Feldern verfaulten." Das kann jetzt kaum mehr passieren, denn von den 4300 Hektar Apfelanbaufläche im Kreis Potsdam wurden seit 1990 zwei Drittel gerodet. Der alte Werderaner und mit ihm einige andere glauben, damit habe sich das Obstanbaugebiet nun auf sein natürliches Maß reduziert.

So mancher Obstbauer sieht das inzwischen etwas anders. In den zwei Nachwendejahren herrschte jedoch reichlich Verwirrung und große Existenzangst. Schließlich wollte ihnen niemand ihre Früchte abnehmen, das Obst wurde als vergiftet und verseucht gemieden. Da stand alles auf dem Spiel, und die von der Europäischen Gemeinschaft angebotene Rodungsprämie war verlockend. Immerhin gab es 8239 Mark pro Hektar.

In Panik holzten die Bauern große Bestände ab. Den Kahlschlag vor Augen, konnte am Ende dennoch kaum jemand das erhoffte Geld einstreichen. Das stand nämlich nur dem Eigentümer des Bodens zu, und der war in den meisten Fällen noch nicht ermittelt. Die Bauern waren häufig nur Eigentümer der Bäume. Die Folge: Das Obst ist so knapp, daß die Fruchtsafthersteller zumeist Früchte aus Europa und Übersee verarbeiten.

Dennoch, es tut sich etwas im Havelland. Es gibt neue Existenzgründungen. Im Werderaner Raum schon zwanzig. Mutige pachteten noch Land vom Nachbarn hinzu, kauften günstig Maschinen aus Genossenschaftsbeständen und bauen nun die ganze Obstpalette an.

Schließlich sind Obstprodukte aus der ehemaligen DDR wieder im Aufwind, und auf den Berliner Wochenmärkten versorgen die Obstbauern schon ihre Stammkunden. Die haben nämlich längst erkannt, daß die alten Apfelsorten wie Gold Palmene, Breuhahn und Ontario, auch wenn sie keine ebenmäßigen Apfelbacken haben, wie richtige Äpfel schmecken. Werders Kulturamtsleiter Walter Kassin hat recht: "Unsere Äpfel passen zwar nicht in die EG-Norm, aber sie sind saftig, knackig und schmecken toll."