Von Anne Huffschmid

Eine Schulklasse geht morgens zum Frühsport auf den Hof hinaus. Nach wenigen Minuten sinken die Kinder geschlossen ohnmächtig auf den Rasen. Dieses surreal anmutende Ereignis ist der mexikanischen Presse Mitte März gerade eine kleine Meldung wert.

Smog ist eigentlich ein viel zu harmloses Wort für den Zustand der Luft in Mexiko-Stadt. In der mexikanischen Hauptstadt wird immer öfter von Gift gesprochen; wie vom berüchtigten Ozon, das am vergangenen 16. März – einem sonnigen Tag – die Zwanzig-Millionen-Stadt in helle Aufregung versetzt hatte: Die gemessenen Luftwerte waren auf fast 400 Punkte geklettert. Hundert Punkte gelten international schon als bedenklich.

Es ist ein ganzer Giftcocktail, der den Bewohnern der Stadt das Leben und Atmen schwermacht. Bei jedem vierten Kind, das im Nordosten des Molochs wohnt, hat man 25 Milligramm Blei auf zehn Liter Blut gefunden. Lernprobleme und Konzentrationsschwierigkeiten sind die harmloseren Folgen. Auf lange Sicht hemmen Ozon und Blei das Wachstum der Lungen. Ein Spezialist des Nationalen Medizinzentrums warnt: „Die körperliche Gesundheit hängt ja eng mit der geistigen zusammen: Am Ende werden wir alle durchgedreht sein. Und keiner macht wirklich was – alle warten wir auf die Katastrophe.“ Aber die Katastrophe ist längst da.

Das Maß zur Bestimmung der urbanen Luftqualität, Imeca, das Mitte März quasi über Nacht zur Meßlatte kollektiven Wohlbefindens geworden ist, war schon 1986 eingeführt worden. Imeca mißt die wichtigsten Giftstoffe in der Luft: Schwefeldioxid, Stickoxide, Kohlenmonoxide, Staubpartikel, Blei und Ozon. Die Imeca-Skala hat 500 Punkte. Wenn in einer der fünf Meßbezirke die 200-Punkte-Marke überschritten wird, tritt, zumindest theoretisch, Alarmstufe eins in Kraft. Zeigen die Meßinstrumente mehr als 300 Punkte an, so wird Stufe zwei ausgerufen, und bei mehr als 400 Punkten ist Stufe drei angesagt: Dann stehen alle Räder still. An 359 von 365 Tagen wurde 1991 in Mexiko-Stadt Alarmstufe eins überschritten.

An jenem sonnigen 16. März wurde, erstmals in der Geschichte der Stadt, Katastrophenalarm Stufe zwei ausgerufen: Der Schulunterricht für alle Kinder unter fünfzehn Jahren wurde abgeblasen, die emittierenden Fabriken mußten ihre Tätigkeit um fünfzig bis siebzig Prozent reduzieren. Außerdem wurden drastische Einschränkungen des Autoverkehrs verfügt. Die Autofahrer liegen quantitativ vorn, sie verursachen etwa 75 Prozent der Emissionen, die Industrie dagegen nur etwas über acht Prozent. Die Abgase der Fabriken aber haben es in sich: Experten schätzen, daß der toxische Gehalt vieler Industrie-Emissionen fünf- bis zehnmal so hoch ist wie jener der Autoabgase.

Schnelle Lösungen für die großen Giftschleudern sind nicht zu erwarten: Mehr als ein Fünftel aller Industrieanlagen des gesamten Landes sind in seiner Hauptstadt konzentriert, die auf einer Höhe von über 2200 Meter, gut geschützt gegen Winde, in der Sohle des Tals von Mexiko liegt. 35 Prozent des Bruttoinlandsprodukts werden hier erwirtschaftet, knapp ein Drittel aller mexikanischen Arbeitnehmer arbeiten hier. Im Einzugsgebiet produzieren rund 35 000 Industriebetriebe, von denen etwa 4000 offiziell als Luftverschmutzer gelten, 500 davon tragen das Prädikat „alto riesgo“, hochgradig riskant.