SCHORFHEIDE. – Die wahre Heimat des Pferds ist die DDR. Warum auch nicht? In der Schule haben wir gelernt: Die wahre Heimat Goethes sei die Deutsche Demokratische Republik. Die von Faust sowieso, denn in seinem Schlußmonolog, „... ein Sumpf zieht zum Gebirge hin .. entwirft er das leuchtende Zukunftsbild des Sozialismus. Und was für Goethe gut ist, wird auch für ein Pferd reichen. Das haben nun, spät, doch vielleicht nicht zu spät, die Tierschützer erkannt.

Nordöstlich von Berlin, in der Schorfheide, die durch ihre landschaftliche Schönheit berühmt und wegen ihrer Staatsjagden berüchtigt ist, ziehen sie um 44 Hektar Lichtung einen Zaun. Dann werden Männer in grünem Loden eingeflogen, die einander überbieten durch das Flechtwerk auf ihren Epauletten. Ihre Gattinnen zeigen jagdliche Kleidung in modischen Abwandlungen. Schließlich trifft auch ein Troß Journalisten ein, natürlich in Pferdewagen. Soweit die Vorbereitung auf das Großereignis. Das folgt Minuten später. Pferdetransportern entsteigen die Stars des Tages: fünf ungekämmte Vierbeiner, die an Maultiere mit Schlitzaugen und Bürstenfrisur erinnern. Die Waidmänner schauen verzückt, legen wie auf Kommando an, dann klicken die Verschlüsse der Kameras. Die Journalisten schlucken verdutzt. Das also sind die seltenen Przewalski-Stuten?

Auch die sehen einander irritiert an und fragen sich: Der Kölner Zoo ist es nicht. Die Gobi kann es auch nicht sein, von denen die alten Hengste in den Abendstunden träumten („... mein Urururgroßvater hatte einen Halbbruder, der soll sie noch gekannt haben .. .“). Was ist es dann? Es ist die schöne Brandenburger Heide, in die die Wirtschaftsflüchtlinge gebracht wurden. Vorübergehend, ehe man sie doch noch abschiebt, in die Heimat ihrer Vorfahren. Schließlich gehören sie nicht hierher, sondern zu den einzigen noch lebenden Wildpferden der Erde.

Die letzten Przewalski-Pferde sollen 1967 in der Mongolei gesichtet worden sein, jetzt gelten sie in freier Wildbahn als ausgestorben. Noch, denn wie die Bartgeier, Sibirischen Tiger und der kleine Panda werden sie auf die Rückkehr in ihr Ursprungsland vorbereitet – unter anderem in der alten DDR. Denn hier gibt es nun das nötige Brachland und ungenutzte Wäldchen, die den Tieren heimatliche Steppe suggerieren sollen. Innerhalb von zwei bis drei Jahren im Aussiedlerlager Schorfheide sollen die Stuten gelernt haben, sich im Gelände zurechtzufinden, sich selbst zu ernähren und Rangordnungen aufzubauen. Um die zwanzig Pferde werden sich künftig im Gelände aufhalten, in wechselnden Zusammensetzungen. Sie kommen aus Zoos und verschiedenen europäischen Zuchten. Daran, Wölfe in das Gehege zu setzen, haben die Tierschützer nicht gedacht, obwohl die in der mongolischen Steppe die Hauptfeinde der Pferde sein werden.

Inzwischen studieren Wissenschaftler vom EEP, dem Europäischen Erhaltungszuchtprogramm, das weitgehend unbekannte Betragen der Tiere. Sogar Veterinäre und Verhaltensforscher verschiedener Universitäten und Akademien zieht es in den Osten, und auch das Dörfchen Liebenthal hofft auf eine Zukunft mit den Przewalskiern. Die Gemeinde hat einen Behelfsparkplatz eingerichtet und den Pendelverkehr mit Pferdefuhrwagen durch das Biosphären-Reservat organisiert.

Ein Jungunternehmer hat eine Frittenbude aufgestellt, und Bürgermeisterin samt Stellvertreterin begehren hochrot und mit frischgedrehten Löckchen eine erfolgreiche Zukunft mit Touristen. Die Pferdezüchter hoffen eher auf Ruhe für ihre Zöglinge. Am Erfolg wagt keine der Seiten zu zweifeln. Ernst-Michael Brandt