Von Hinrich Bäsemann

Tosende Wasserfälle und rauschende Bäche sind gewöhnlich nicht typisch für Israel. Wer in diesem Jahr jedoch den Norden des Landes aufsuchte, der war gut beraten, sich mit Stiefeln auszurüsten. In seinem Oberlauf glich der Jordan eher einem alpinen Wildwasser als einem Fluß, der jeden Tropfen Wasser braucht.

Nach jahrelanger Trockenheit hat Israel einen äußerst niederschlagreichen Winter erlebt. Kalte Nordwinde ließen mehrfach die bis zu 1200 Meter hohen Golanberge im Schnee versinken. Selbst in Jerusalem fallen unzählige bizarre Bäume auf, deren Kronen unter der ungewöhnlichen Schneelast zusammengebrochen sind. Schmelzwässer und ergiebige Regenfälle haben Talsperren und Zisternen reichlich gefüllt – ohne jedoch die Defizite der vergangenen Jahre ganz ausgleichen zu können.

Jetzt blüht selbst die Wüste. Farbenprächtige Blumenteppiche überziehen das Land von der libanesischen Grenze im Norden bis nach Eilat am Roten Meer im Süden. Im satten Grün der Wiesen zeichnen leuchtend rote Anemonen und wilde Tulpen die Konturen der Wadis, Hügel und Berge nach. Blaue Lupinenkerzen recken sich aus einem Meer gelber Senfblüten. Zahllose Insekten summen herum, um die Honigernte einzufliegen. Ziegen, Esel und Kamele können gar nicht so rasch fressen, wie in diesem feuchten Frühling das Futter nachwächst.

Doch für so etwas interessieren sich die Besucher gemeinhin nicht so sehr. Der Tourismus gilt traditionell den ungezählten Kulturdenkmälern. Neuerdings jedoch taucht eine ganz neue Gattung von Urlaubern auf. Sie empfinden die kulturellen Höhepunkte nur als Zugabe. Denn sie wollen Pflanzen und Tiere, insbesondere Vögel, sehen

Ökotourismus heißt die Losung, auf die jetzt das israelische Tourismusministerium und die Nature Reserves Authority setzen. Israel hat im Nahen Osten eine Vorreiterrolle übernommen, denn es ist das einzige Land, in dem es einen entwickelten Naturschutz gibt. Geschehen ist das mit finanzieller und logistischer Unterstützung aus Deutschland. Das Umweltministerium, wissenschaftliche Institutionen sowie private Vereine arbeiten eng mit israelischen Organisationen zusammen. Davon profitieren auch die Deutschen. Sie lernen aus den Rekultivierungsmaßnahmen und können in Israel neue Umweltmodelle testen.

Die Anfragen nach Wanderungen und nach Beobachtungen von Fauna und Flora steigen stetig und werden deshalb auch verstärkt in das Angebot von Veranstaltern aufgenommen. Unter der Schirmherrschaft der israelischen Naturschutzbehörden lassen sich sowohl Rundgänge durch die zahlreichen Naturschutzparks als auch mehrtägige Wander-, Jeep- und Kameltouren durch die eindrucksvolle Landschaft Israels unternehmen. So geht es zum Beispiel zu Quellen und Höhlen in den judäischen Bergen, zur antiken Gewürzstraße im Negev oder sogar zum Survivaltraining in die Wüste.