Von Kedar Nath

Warm wurde es schon wieder. Mit einer Motorradrikscha ließ ich mich früh am Morgen zum Bahnhof von Trivandrum in Südindien bringen. Aufgeschnittene Wassermelonen, Kokosnüsse und andere Früchte wurden feilgeboten. Mein Schritt verlangsamte sich wie von allein. Und doch war ich auf der Suche nach dem Omnibus. Als ich ihn schließlich fand, waren die Leute schon beim Einsteigen.

„Könnten Sie mir bitte behilflich sein?“ fragte jemand. Ich drehte mich um. Hinter mir stand ein untersetzter Mann, dessen rosige Wangen von einem blonden Bart umrahmt wurden. Auf dem Rücken hatte er einen gewaltigen Rucksack.

Er nahm sich einen Fensterplatz und sah während der Fahrt aus dem Fenster. Seine Khakijacke hatte viele Taschen. Aus einer zog er ein schmales Bändchen mit englischem Titel: „Führer durch Südindien“. Hin und wieder unterstrich er darin ein Wort, markierte gelegentlich auf der beigefügten Landkarte eine Ortschaft. Als er damit fertig war, sah er sich um, kratzte sich am Hals und räusperte sich befriedigt: „Ich heiße Helmut.“ Seine blauen Augen leuchteten freundlich auf.

Lange sei er noch nicht in Indien, „aber lange genug, um mir ein Bild von diesem Land machen zu können“. Und nach einer Weile verriet er: „Als nächstes reise ich nach Nepal.“ Und sein Redefluß wollte gar nicht mehr aufhören: Eigentlich habe er bis zu seinem 25. Lebensjahr nicht reisen können – aber seitdem fröne er dieser Lust mit Hilfe einer kleinen Erbschaft.

Europa („kenn’ ich“), Burma („per Anhalter, ich liebe es“), Vietnam („im vergangenen Jahr“) – de Länder schnurrten akkurat aus seinem Munde wie Wasserzeichen seiner Seele: „Es stimmt doch, daß Kap Komorin ursprünglich Kanya Kumari hieß, bevor die Briten Indien besetzten, oder?“

Ehe ich sagen konnte: „Doch, ja, es existierte ja schließlich, bevor die Engländer kamen“, sagte der eifrige Notar, der offenbar nur als Tourist verkleidet war: „Ich weiß. In meinem Reiseführer heißt es, daß Ptolemäus es im 2. Jahrhundert Komaria Ahoi nannte oder so ähnlich auf griechisch. Stimmt es, daß der Tempel dort zweitausend Jahre alt ist?“