Wenn der weiße Flieder wieder blüht, ist der deutsche Muttertag nicht fern. Der zweite Sonntag im Mai ist traditionell reserviert für das Loblied der Hohen Frau. Kaum eine andere ideologische Institution der Nationalsozialisten hat das Dritte Reich derart unbeschädigt überlebt. Landauf, landab lassen an diesem Sonntagmorgen eifrige Väter die Kaffeemaschinen brodeln; stehen die Kleinen barfuß vor Mamis Bett, um selbstgemalte Bilder und taftgefütterte Seifen-Geschenkpackungen zu überreichen, eilen die Fleurop-Lieferanten von Tür zu Tür.

Die Mutter, die da gefeiert wird, muß eine Heilige sein: immer beherrscht, selbstlos und gerecht, frei von eigenen Bedürfnissen und Schwächen, eine selig Gebende. Und als Heilige gebührt ihr entsprechende Verehrung, jedenfalls dieses eine Mal. „Du sollst auf dem Sofa ruh’n, wir wollen alle Arbeit tun“? An 364 Tagen im Jahr wird klaglose Aufopferung erwartet – an einem halben Tag im Wonnemonat soll dann der geballte Dank auf einmal abgestattet werden.

Eine lächerliche Idealisierung. Dieser Muttertag ist nichts weiter als der Versuch, eine Rechnung zu begleichen, die die Mütter immer auf der Verliererseite stehen läßt. Denn wie sie ihre Rolle auch zu erfüllen versuchen, es kommt das falsche für sie dabei heraus. Steigen sie aus dem Beruf aus, um sich ganz den Kleinen und ihrer behüteten Aufzucht zu widmen, merken sie nach spätestens fünfzehn Jahren: „Das kann doch nicht alles gewesen sein.“ Der Weg zurück in die Welt der Teilhabenden und Gestaltenden ist zwar gepflastert mit optimistischen Broschüren vom Arbeitsamt und Frauenministerium, in der Realität aber häufig genug eine herbe Zurückweisung.

Bemühen sie sich, Alternative zwei, den Anschluß zu behalten und den Spagat zwischen Familie und Berufstätigkeit durchzustehen, verfolgt sie das schlechte Gewissen, das ihnen die Konsequenzen in düstersten Farben ausmalt: „Deine Kinder kommen zu kurz. Und im Job hängst du auch hinterher.“

Besonders hierzulande stecken Mütter in der Klemme zwischen Ideal und Realität. Und längst hat sich eine zweite Front aufgebaut, weitab von der des herkömmlichen Geschlechterkampfes: Da treten Mütter gegen Mütter an, Nicht offen, polemisch, haßerfüllt; nein, mit jener perfektionierten Nadelstich-Strategie, für die Männer völlig untalentiert sind. Vollzeit-Mütter gegen Teilzeit-Mütter. Die guten gegen die schlechten. Die richtigen gegen die falschen. Die richtigen sagen: „Kein Wunder, daß dein Moritz immer erkältet ist. Er hat einfach Defizite an Zuwendung.“ Und die falschen schlagen zurück: „Kein Wunder, daß deine Julia kein Selbstbewußtsein hat. Ihre Mutter hat ja auch keins. Die ist einfach nur gefrustet.“

Was ist falschgelaufen? Neidisch blicken sie auf Frauen im Ausland: Wo die Infrastruktur mit Tageskindergärten, Horten und Ganztagsschulen besser funktioniert. Wo niemand den Müttern einredet, die eigene Berufstätigkeit ende mit der seelischen Verwahrlosung der Kinder. Wo Alleinerziehende vom Staat mit echten Steuervorteilen unterstützt werden.

Doch das Jammern bleibt Selbstzweck. Nichts wird sich ändern, solange die scheinbar zwangsläufige Alternative nicht aufgebrochen wird. Von qualifizierten, lange ausgebildeten Frauen eine Entweder-oder-Wahl zu fordern ist doppelt unsinnig: für sie selbst wie für die Gesellschaft insgesamt. Erst wenn die Väter sich wirklich einlassen auf das Modell der Teilhabe, das beiden den gleichen Verzicht zumutet, wird etwas in Bewegung geraten. Dann müssen Arbeitgeber nicht nur bei Frauen mit einem Elternurlaub rechnen, sondern sich an Männer gewöhnen, die ein paar Monate lang ihr Kind schaukeln wollen.

Der Muttertag hat die Legende von der Vollkommenheit und Unfehlbarkeit der Mütter Jahr um Jahr bestätigt. Wenn diese spießige Heuchelei ein Ende hätte – das wäre ein Festtag für Mütter. Anna v. Münchhausen