Von Helmut Schödel

Es war ein Konditor in Aurich. Der hatte einen Traum und "lebte ganz für die künstlerische Seite seines Berufes". Sein zuckersüßes Figurenrepertoire beschränkte sich nicht auf Marzipanschweinchen und bestreuselte Weihnachtsengel aus Plätzchenteig. Er schuf so wundersame Zuckerplastiken wie "Windhund auf Polster" oder "Flammendes Herz" oder "Wickelkind". Aber die Kundschaft zerbiß die Kunststücke binnen Sekunden, zermalmte sie mit kariösen Gebissen, zersetzte sie mit ihren Magensäuren, schied sie aus und mißachtete ohne jeden Vorsatz Heinrich Rabenstein, den Zuckerkünstler. Alles, was er schuf, gehörte dem freßsüchtigen Vergessen seiner zahlenden Kundschaft. Er fühlte sich "unterbewertet, unterbezahlt... dachte manchmal: "Wie kam ich zu diesem Leben?". Als der Erste Weltkrieg begann und die Not die Mittel seiner Kunst rationierte, verlor er den Glauben an die Kunst nicht, stieg aus seinem Beruf aus und wurde Rezitator, vor allem der Schriften Ernst Reutters, eines Erfolgsautors seiner Zeit.

Es lebte ein Rezitator in Aurich. Mit dem Zug auf den harten Holzbänken der dritten Klasse oder mit dem Fahrrad über ungepflasterte Chausseen fuhr er zu seinen Auftrittsorten: "In Klassenzimmern, in Aulen wo es welche gab, in städtischen Sälen, Vereinslokalen, Hinterzimmern von Gasthöfen und Privaträumen." Er rasierte sich, der besseren Artikulation wegen, den Schnurrbart ab und unterzog sich zungenbrecherischer Sprechübungen: "Der dicke dumme Töffel trug den dünnen dummen Toffel durch den dicken tiefen Torfdreck durch." Sein Glaube an die Kunst war groß, seine Einkünfte blieben mager, und als die neue Zeit heraufzog, mit Wortgedonner und großen Reden, die mit Heinrichs Vortragskunst wenig gemein hatten, machte er sich dennoch Hoffnungen und wurde am 1.1.1933 Mitglied der NSDAP.

Es lebte ein Nazi in Aurich. Einer unter vielen: Heinrich Rabenstein. "Die Sprecher waren ab 1938 in der Fachgruppe 3c der Fachschaft Bühne innerhalb der Reichstheaterkammer organisiert." In ihrem Jahrbuch findet sich Heinrichs Name samt Adresse und Programmübersicht: Das Ende eines deutschen Idealisten und seines Traums. Andreas Mands "Der Traum des Konditors" ist die Geschichte vom ewigen Deutschen Heinrich, der am Anfang zum Höheren berufen und am Ende mit dem Teufel im Pakt ist. Selbst in der Seele eines braven Konditors, wenn er nur ein Deutscher ist, kämpfen Faustus und Mephistopheles. Und genau so wie der Mörder immer der Gärtner ist, heißt der Sieger über die deutsche Seele in der Regel Mephisto.

Die kleine Sensation dieses Buches ist aber nicht nur die Geschichte selber, sondern wie sie Andreas Mand erzählt. Er prügelt nicht auf Heinrich ein, sondern entzaubert seinen Traum: Sanft, geduldig, scheinbar mühelos, und wo es um die Wahrheit geht nicht ohne Fakten, Belege und Archivmaterial. In unserer Zeit, da die Beelzebuben gerade den Teufel austreiben und ein Heinrich den anderen jagt, ist dieser Text selber ein Traum, hoch über unseren Köpfen.

Das historische Vorbild für Andreas Mancs Romanfigur ist ein gewisser Johann Hermann Eilers (1872-1942). Mand hat mit Eilers Nachkommen gesprochen, die Fachliteratur der Vortragskünstler studiert, nachgelassene Briefe beigebracht und sich in das Konditoreiwesen und die Kriegsbäckerei eingearbeitet. Er hat sich über diesen Heinrich nicht erhoben, sondern versucht, sich sein Leben vorzustellen, seine Gedanken zu erraten, ihn zu verstehen. Und was nun einmal nicht zu verstehen ist, erscheint in Mands kurzem Roman als einer dieser typischen erratischen Blöcke aus einem deutschen Leben. Und noch etwas ist Mand traumhaft geglückt: Immer wieder gelingt es ihm, uns zu verführen und für einen Moment in Heinrichs Welt zu ziehen, einen Heinrich aus uns zu machen.

Gleich am Anfang entwirft Mand eine funktionierende biedermeierliche Welt. Sommer 1912 in Aurich: behäbige Bürgerhäuser, blühende Gärten. "Man hörte da Wind in den Bäumen rauschen und die Vögel miteinander zwitschern." Heinrich ist 40 Jahre alt, hat Sophie geheiratet und backt traumhafte Süßigkeiten. An schönen Sonntagen wandert er mit den Kindern durch den Wald. Die Töchter helfen die Leckereien austragen, man harkt den Acker, zupft das Unkraut und beugt sich über den Wäschebottich. Familienleben. Aber dann erfährt man von Heinrichs chronischen Kopfschmerzen. Sein billiger Backofen, einen besseren kann er sich nicht leisten, ist undicht, ständig strömt Gas aus. Sophie ist ein visionsloser Ehetrampel, der acht Kinder zur Welt gebracht hat, von denen eines schon als Baby starb. Und die finanzielle Situation der Familie ist trostlos.