Nüchtern, fast beiläufig zieht Lillian Bilanz ihrer Ehe: „Wir reden nicht mehr viel, wir streiten selten, wir leben einfach nebeneinander im selben Haushalt. Manchmal frage ich mich, ob er mich betrügt, aber ich habe keinen Grund, es anzunehmen. Vielleicht ist für ihn unsere Ehe ganz in Ordnung. Wir sehen fern, ich bereite meine Kurse vor, um zehn geh’ ich ins Bett.“

Lillian, die US-amerikanische Heldin des neuen Romans von Waltraud Anna Mitgutsch, ist Ende dreißig, verheiratet, Mutter zweier Kinder. Fünfzehn Jahre lang hat sie in Innsbruck gelebt, in einer Umgebung, die ihr immer fremder geworden ist, jetzt wagt sie den Ausbruch, die Flucht zurück in die Welt ihrer Kindheit und Jugend. An der Ostküste der Vereinigten Staaten ist sie aufgewachsen, hier hofft sie wider besseres Wissen zu finden, wonach sie in Österreich vergeblich gesucht hat – blindes Einverständnis mit Menschen und Dingen: „Zu Hause würde wieder, wie früher, Alltag bedeuten, nicht mehr auszumachen im beruhigenden Fluß der Tage und Stunden, die aufeinander folgten, ohne daß man sie zählen und ihr Ende vor Auge halten mußte. Das allein war unvorstellbarer Luxus, Sättigung ohne Ende und ohne die Notwendigkeit, Erinnerungen einzuhamstern für die Zeit danach.“

Drei Stationen aus dem Leben einer nicht mehr ganz jungen Frau: Transithalle; Flug über den Atlantik; wechselnde Schauplätze im Osten der USA. Mit leidenschaftlicher Anteilnahme beschreibt Mitgutsch das Wagnis ihrer Heldin aus der Fremde – in die Fremde zu fliehen. Wie in allen Romanen der oberösterreichischen Erzählerin ist das Scheitern der Protagonistin von der ersten Seite an vorgegeben. Trotzdem liest man, mit angehaltenem Atem, so wie man als Kind Abenteuerbücher gelesen hat, in der verzweifelten Hoffnung, die Geschichte möge ein gutes Ende finden.

Waltraud Anna Mitgutsch wird von ihren österreichischen Kollegen gern unterschätzt. Der faule Witz männlichen Hochmuts bringt ihre Bücher in eine abgeschmackte Verbindung mit Selbsterfahrungsliteratur. Es ist viel Wärme, große Passion in ihrer Prosa. Das irritiert. Außerdem sind die männlichen Gestalten des Romans, wie schon die des letzten Buches („Auslöschung“), recht ekelhafte Wesen. Jeder von ihnen ein eigener Planet, der unbeirrt seine Bahn zieht.

Da ist Josef, Lillians Mann, der jede Berührung scheut. Eines Nachts, in der Küche, weint Lillian. „Und er saß zwei Schritte weit von mir entfernt und sah mir zu, ganz ruhig und distanziert, auf seine faire, tadellose Art. Du brauchst Hilfe, stellte er kühl fest, ich rate dir, geh bald zum Psychiater,, bevor etwas passiert. Doch die zwei Schritte zu mir hin, die hat er nicht geschafft, statt dessen stand er auf und ging hinaus.“ Da ist auch Alan, Konzertsänger aus Lillians Heimat. Sie verliebt sich in ihn, genauer: Sie verliebt sich in das, wofür er steht, in ihre verzerrten Erinnerungen an die Jugendjahre, als ihr die ganze Welt offenzustehen schien, als sie sich stark genug wähnte, von den Verhältnissen, unter denen sie heranwuchs, nur die bedrückende Enge abzuschütteln, die Geborgenheit aber zu bewahren. Alans Egoismus, seine Kälte deutet sie lange, viel zu lange als Gegenentwurf zum eigenen wunschlosen Unglück: „So, dachte sie, mußte man leben, um nicht vom Alltag eines Durchschnittslebens unterjocht zu werden, vcn Pflichtbewußtsein, Skrupel, Ängstlichkeit.“ Auch dieser Mann weist sie zurück, bestürzt von der Vehemenz, mit der Lillian ihn zum Fixpunkt ihres neuen Lebens erwählt, nachdem sie Josef und die Kinder verlassen hat.

Und da ist schließlich noch Lillians Vater, der erfolglose Schriftsteller, der die Tragik der eigenen Lebensumstände in seinem Schreiben stets ausgespart hat. Auf Kosten seiner Töchter ist er gescheitert, aber sein geringer Einsatz steht in einem beinahe grotesken Mißverhältnis zum Aufwand, unter dem sich sein Scheitern ereignet hat. Am Ende ihrer zunehmend hoffnungslosen, zeitweise von jähen Einbrüchen der Zuversicht unterbrochenen Heimatsuche trifft Lillian auf ihn – und es ist ihr, als wäre sie nie fort und als wäre sie nie hier gewesen. In der verpfuschten, von jeder Reue unberührten Existenz des Vaters glaubt Lillian ihre eigene Zukunft ablesen zu könne. „Nichts blieb hinzuzufügen, alles war deutlich sichtbar bis in die fernste Zukunft, als wäre ihr Leben bereits gelebt. Sie konnte ihn und dieses Haus verlassen, jetzt sofort, es war gleichgültig, wohin sie ginge, ankommen würde sie nie. Sie würde in Nächten auf fremden Betten von engen Alpentälern träumen, auf der Flucht sein vor Menschen, die in einer fremden Sprache redeten, und tagsüber würde sie sich nach ihnen sehnen und sie beschreiben, Seiten mit ihnen füllen und sich nach ihrem fernen Leben verzehren, so daß sie darüber ihr eigenes vergaß. Dann würde sie vielleicht die Tage zählen, bis ihre Kinder sie besuchten oder bis sie zu ihnen fliegen durfte.“

„In fremden Städten“ ist von Anfang bis zum Schluß ein trostloses Buch. Und doch macht es Mut. Denn Mitgutsch schreibt aus dem Zentrum des Schmerzes, und sie schreibt, als ginge es um ihr Leben. Erich Hackl