Von Iris Mainka

Manchmal kann er nachts nicht schlafen. Dann sieht er alles vor sich: das Bühnenbild, die Halle mit den 1500 Menschen, hört den Abspann der Tagesschau und fühlt die Augen von Millionen Fernsehzuschauern auf sich gerichtet. "Und dann geh ich da raus: Guten Abend, meine Damen und Herren ..."

Eine "mentale Sache" nennt das der Mann, der von sich sagt, er heiße nicht nur Schmidt, sondern sehe auch so aus. Schmidt, Harald Schmidt. Im Herbst wird er als Nachfolger von Kurt Felix die Samstagabendshow Verstehen Sie Spaß? moderieren. Unter der Leitung des Schweizer Biedermannes hatte die Sendung immerhin einen hohen Ärgerniswert. Unter dem Kabarettisten Schmidt könnte sie unterhaltend werden, denn mit diesem Moderator hat man den Parodisten zum Gärtner gemacht. Oder nicht?

Nein, nein, beteuert Schmidt ernsthaft und rückt seine Brille zurecht. Die kann noch nicht alt sein. Viele tragen jetzt diese Form mit den modischen Flügel-Bügeln. Seine braunen Haare zeigen den ersten Grauschleier, nichts Ungewöhnliches für einen Mittdreißiger im Karrierestreß. Dreitagebart überm Jeanshemd, weiche Lederjacke, viel zu lange Nackenhaare – dieser intellektuell wirkende Lulatsch von 1,92 Meter will Samstag abends in die Fernsehstuben, wenn Mamas Hausschuhe und Papas Püschen vor der Sitzecke Spalier stehen?

Er träumt schon lange davon. Er hat immer daran geglaubt, daß die Karriere als Nachwuchs-Kuli für ihn "nur eine Frage der Zeit" sei. Er könne das eben. Und Schmidt wäre nicht Schmidt, wenn er Kritik am eigenen Größenwahn nicht geschickt vorwegnähme: Jeder, der den Anspruch habe, zwölf bis fünfzehn Millionen Zuschauer für sich zu interessieren, sei natürlich krankhaft eitel und ein gefundenes Fressen für den Psychiater.

Das ist seine Masche: die ironische Distanz zu allem und jedem, folgerichtig auch zu sich selbst. Mit einer Mischung aus Schlagfertigkeit und Frechheit rettet er diese Ironie auch in seichte Unterhaltungstümpel hinüber. MAZ ab! zum Beispiel, ein vom Konzept her eher dünnes Produkt deutschen Fernsehens, machte Schmidt zu einem witzig-chaotischen Schaukampf. Und Psst..., eine an den Altmeister Lembke angelehnte Quizparodie mit Rateteam, aber ohne Schweinderl, gerät mitunter wirklich lustig – lustiger, als man von den meisten Programmen dieser Art sagen kann. Sein Lieblingskind allerdings, die WDR-Show Schmidteinander ist mit einer Stunde live am späten Sonntagabend für die Güte der Gags um die Hälfte zu lang. Viel Blödelei und inszenierte Pannen nach amerikanischem Vorbild sollen ein überwiegend junges Publikum fesseln – da fühlt man sich gleich zu früh geboren.

Die Frage, was ihn als Schauspieler und Kabarettisten zur Fernsehunterhaltung zog, läßt seine Augen hinter den Brillengläsern noch schmaler werden. Er scheint amüsiert ob soviel Dogmatismus. Natürlich haben die Kabarettkollegen anfangs die Nase gerümpft. Inzwischen, stellt Schmidt mit der Selbstgefälligkeit des Profis fest, sei er "an denen weit vorbeigezogen". Ohne Fernsehpräsenz spiele der beste Kabarettist vor leerem Haus. Außerdem habe für ihn "der Unterhaltungswert" immer Vorrang vor "wahnsinnig wichtigen Mitteilungen".