Von Volker Ullrich

Die Zukunft ist wieder offen. Nichts wird sein, wie es vordem war. Die Geschichte ist in Bewegung geraten, die negative Kraft der Zeit wirkt weiter, die Vergangenheit wird nur immer neu befragt, aber niemals neu begonnen. Welche Spuren aber führen aus der älteren und neueren Geschichte in die Zukunft Deutschlands und, kraft Lage, Größe und Gewicht des Landes, des weiteren Europa?“ So, im hohen Ton des Praeceptor Germaniae, beginnt Michael Stürmer sein neues Buch, ein historischpolitischer Langessay, der eine „Begegnung der Deutschen mit der Geschichte“ veranstalten möchte. Gleich also werden wir eingestimmt, daß uns Bedeutendes erwartet: Nach all den umwälzenden Ereignissen der vergangenen Jahre, die uns manchmal den Atem verschlagen und den Orientierungssinn geraubt haben, sollen wir nun Wegweisung empfangen durch Rückwendung in die Vergangenheit.

Nach der Reichsgründung von 1871 – so hat Jacob Burckhardt einmal beklagt – sei die ganze deutsche Geschichte „siegesdeutsch angestrichen“ worden. Vollzieht sich jetzt, nachdem die beiden deutschen Staaten, die aus der Konkursmasse des Bismarck-Reiches hervorgegangen waren, zur Überraschung aller sich wiedervereinigen durften, etwas Ähnliches? Wird die ganze deutsche Geschichte, von jenen zwölf Jahren Nazi-Diktatur und jenen vierzig Jahren SED-Regime einmal abgesehen, frisch aufpoliert, zur Erfolgsgeschichte umgebogen und umgelogen? Manche Verlautbarungen der vergangenen Monate könnten solche Vermutungen nähren. Die Entwicklung seit 1989, so hörte man, hätte jenen recht gegeben, die 1986 im „Historikerstreit“ zu Unrecht attackiert worden seien. Die Nachkriegszeit sei endgültig zu Ende; die Deutschen könnten nun endlich aus dem Schatten Hitlers heraustreten und, im Vollbesitz ihrer ökonomischen Potenz, wieder kräftig die politischen Muskeln spielen lassen, sich unbeschwert ins weltpolitische Getümmel stürzen und den anderen einmal zeigen, wo’s langgeht.

Stürmers Essay ist, dies sei gleich vermerkt, frei von solchen wilhelminischen Fanfarenstößen. Auch ihn treibt die Frage um, welche Rolle das vereinigte Deutschland in Europa und in der Welt spielen soll, doch der Titel „Die Grenzen der Macht“ verweist bereits darauf, daß es ihm nicht darum geht, neue deutsche Großmacht- oder gar Weltmachtgelüste herauszutrompeten, sondern vielmehr die Grenzen abzustecken, innerhalb derer sich eine kluge, auf Verläßlichkeit und Berechenbarkeit zielende deutsche Politik künftig bewegen müsse. Daß die Grenzen neu vermessen werden müssen, weil die Ordnung des Kalten Krieges zerbrochen ist, die darauf zugeschnittenen Szenarios nicht mehr taugen – dies steht allerdings auch für Stürmer außer Frage.

„Wer weit vorausschauen will, muß weit zurückschauen.“ Stürmer schaut weit zurück. Nicht mit 1848/49 setzt er ein, auch nicht mit 1870/71, sondern mit 1648, als nach dem Dreißigjährigen Krieg, der „Urkatastrophe des neuzeitlichen Deutschland“, die europäischen Verhältnisse im Westfälischen Frieden neu austariert wurden. Damals sei die Mitte Europas auf glückliche Weise ruhiggestellt, das Alte Reich als Stabilitätsfaktor in ein europäisches Gleichgewichts- und Friedenssystem eingefügt worden.

Im Unterschied zu nationalliberalen Historikern des Kaiserreichs vom Schlage eines Heinrich von Treitschke, die für die Impotenz des dahinsiechenden „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ nur Hohn und Spott übrig hatten, vermag Stürmer den deutschen Zuständen vor 1800 durchaus liebenswerte Züge abgewinnen. Er preist die Polyzentrizität des Alten Reiches, die statt in der einen, alles überragenden Kapitale gerade in der föderalen Vielfalt ihren Reiz fand. Und er rühmt die spezifische „teutsche Libertät“ in Territorien und Stadtrepubliken, die einem flächendeckenden Vordringen des Absolutismus Grenzen setzte, Frühformen von Rechtsstaatlichkeit und Toleranz ermöglichte. Mag Stürmer auch ein allzu idyllisches Bild des untergehenden Alten Reiches zeichnen – was er sagen will, berührt sympathisch: Der Nationalstaat des 19. Jahrhunderts ist nicht der einzige Bezugspunkt der modernen deutschen Geschichte; es gibt vor- und übernationale Prägungen und Traditionen, die es zu hegen und zu bewahren gilt – etwa den Gedanken des Föderalismus als Gegengewicht gegen ein zu machtvolles Zentrum.

Wer so beredt über den diskreten Charme des Alten Reiches zu parlieren weiß, der kann wohl kaum Begeisterung empfinden für den nationalen Machtstaat, wie er nach dem Scheitern der Paulskirche zwei Jahrzehnte später von Bismarck „mit Blut und Eisen“ aus der Taufe gehoben wurde. In einem großen Kapitel bilanziert Stürmer „Aufstieg und Fall“ des deutschen Nationalstaats von 1871. Vieles darin wird dem, der sein Buch „Das ruhelose Reich“ (1983) und seine Aufsatzsammlung „Dissonanzen des Fortschritts“ (1986) kennt, sich zudem zu den Lesern seiner Kolumnen in der FAZ rechnen darf, sehr vertraut klingen. Von Anfang an, gewissermaßen als preußisches Erbteil, wohnte dem Bismarck-Reich laut Stürmer eine Tendenz zur Überanstrengung inne: Es war „zu groß für das europäische Gleichgewicht und zu klein für die Hegemonie“. Die entscheidende Ursache dafür sieht der Autor in der Geographie – der Lage Deutschlands in der Mitte Europas. Sie sei „Verdammnis und Versuchung zugleich“ – Verdammnis, weil sie die Mitte dem konzentrischen Druck der anderen Mächte ausgesetzt habe, Versuchung, weil daraus immer wieder die Neigung erwachsen sei, das Gehäuse der Mittellage gewaltsam zu sprengen.