Von Christiane Peitz

Neben den klassischen Tabus Sex und Tod ist dem Kino eine weitere Zone verwehrt, die in der Regel genau dort beginnt, wo der Film aufhört: die des Glücks. Die Umarmung am Schluß, das Happy-End, besiegelt das Ende der Bilder. Das Glück ist still und starr: ein Standphoto, ein Gemälde vielleicht, aber kein moving picture. Denn das Glück hat zwar ein Vorher und Nachher, aber kein Früher oder Später. Es kennt keine Zeit: ein unendliches Jetzt. So erzählen zwar die meisten Filme von der Sehnsucht danach, vom Ringen darum und von seinem Verlust, doch wenn es einmal erreicht ist, folgt der Abspann: Das Glück bleibt dem Off vorbehalten, sein Ort liegt jenseits der Leinwand.

Seltsamerweise rührt vor allem das französische Kino immer wieder an dieses Tabu. 1965 drehte Agnès Varda ihren wenig verstandenen Film "Le bonheur": Ein Mann liebt zwei Frauen, die einander sehr ähnlich sind. Alle drei sind glücklich. Als die eine stirbt, nimmt die andere ihren Platz ein. Patrice Lecontes "Der Mann der Friseuse" (1990) wagte gar eine neunzig Minuten lange glückliche Liebe zwischen Mann und Frau. Und nun Chantal Akermans "Nuit et Jour": Eine Frau, Julie, liebt zwei Männer, die einander sehr ähnlich sind. Jack fährt Taxi in der Nacht und liebt Julie am Tag, Joseph fährt Taxi am Tag und liebt Julie in der Nacht. Ein heißer Sommer in Paris; Jack, Julie und Joseph schlafen nie. Die Schauspieler Guilaine Londez, Thomas Langmann und François Negret – drei schöne, junge Menschen, die aus einem Film von Eric Rohmer entflohen sein könnten. "Sie liebten sich, und es genügte ihnen", sagt die Stimme aus dem Off. "Eine glückliche Liebe hat keine Geschichte", sagt Julie. Im Original fügt sie hinzu: "une histoire sans histoire" – das wäre das reine Glück.

Jack und Julie wohnen im fünften Stock in der Nähe des Boulevard Sebastopol. Wenn sie die Fensterläden öffnen, dringen kaum Geräusche in die Wohnung. Sie haben kein Telephon, keine Freunde, keine Möbel, kein Kind. Wenn Nachbarn klingeln, weisen sie sie ab. Sie liegen im Bett und lieben sich. Manchmal reden sie miteinander, leise, in kurzen Sätzen. Sie reden über die Liebe und darüber, daß sie nicht schlafen. Julie lächelt dabei. Sie schauen sich nicht an. Wenn sie reden, sehen ins Leere.

Manchmal duschen sie. Ober bügeln ein Hemd. Die Zimmer der Wohnung liegen um den Innenhof; wenn Julie aus dem Fenster schaut, sieht sie Jack im Badezimmer, durch das Fenster gegenüber. Es gibt kein Draußen. An den Wänden kleben noch die alten Tapeten: große Blumenmuster in leuchtendem Orange und Rot. Wärme, fast brennende Töne, korrespondierend mit dem Blau der Laken oder der Farbe von Julies Hemd. Die Bilder schwelgen im Monochromen, höchstens fügen sie Komplementärfarben hinzu – eine Art verschwenderischer Purismus. Das Liebespaar bleibt darin eingebettet: Formen, Stoffe, Farbtöne – all das schmeichelt ihrer natürlichen Schönheit und festigt ihr Glück. Manchmal rahmt das Fenster die Figuren ein, manchmal trennt sie ein Türpfosten: jede Einstellung ein klassisches, beinahe vollkommenes Gemälde. Die Kamera bewegt sich kaum.

"Nuit et Jour" ist reines Kunstkino, das sich um die Realität nicht schert. Die Wohnung von Jack und Julie gleicht einer paradiesischen Insel, um die herum die Welt längst versunken ist. Ein entrücktes Reich. Aber, und das bewahrt die Bilder vor dem Kitsch, die Insel ist kein Traumgebilde. Sie hat die Konsistenz des Halbschlafs. Träume, die im Halbschlaf geträumt werden, sind oft die intensivsten, und zugleich entgleiten sie unhaltbar im Übergang zum Wachsein. "Nächstes Jahr", sagen Jack und Julie, "bekommen wir ein Kind. Nächstes Jahr haben wir ein Telephon. Nächstes Jahr suchen wir uns Freunde." Sie wissen, der Sommer wird vorübergehen.

Jeden Abend treten Jack und Julie vor die Haustür. Am Anfang ist das Schließen der Tür das einzige Geräusch: ein lauter, knapper Schlag, der die Grenze von Innen und Außen markiert. Aber das warme Licht der Abenddämmerung verleiht ihren Gesichtern gleich wieder einen sanften Farbton. "Du siehst blaß aus", sagen sie einander, und wahrscheinlich sagen sie es, weil man es nicht sehen kann.