Von Bernhard Ehlen

Vier Tage noch stinken meine Kleider. Anfangs hatte es mich heftig gewürgt: dieser bestialische Fäulnisgeruch auf der Müllkippe von Manila. 20 000 Menschen leben hier im Müll und vom Müll. Was die Viertel der Reichen anschwemmen, wird tagein, tagaus von Bulldozern hin- und hergewälzt, dann hundertfach durchstochert, gesiebt, ausgeklaubt.

Es sind überwiegend Kinder in dieser entwürdigenden, würgenden Tätigkeit. Zwölf Stunden am Tag sammeln sie, was noch irgendwie verwertbar scheint: Glasscherben, Papierschnipsel, Kronenkorken, Blechdosen, Plastikbecher. Was vom Müll übrigbleibt, wird angezündet und schwelt dann tagelang, einen beißenden Qualm von sich gebend, unter den Füßen der jungen Schwerarbeiter. „Smokey Mountain“, ein Tiefpunkt des Elends der Dritten Welt.

Seit acht Jahren steht hier, einmal pro Woche, mitten im Müll ein Tisch mit einer weißen Plastikplane. Medizinische Instrumente, Verbandstoffe, Wundalkohol und Medikamente sind darauf ausgebreitet. Unter dem Tisch, im Schatten, steht eine Kühlbox mit Impfstoffen, vor allem gegen Tetanus. Über allem schwirren Schwärme von Fliegen. An dieser Stelle brennt der Müll schon lange nicht mehr. Es gibt nichts mehr, was brennen könnte. Um so mehr Fliegen kommen.

Am Tisch sitzen zwei Ärzte. Thomas Guthoff, Kinderarzt aus Wuppertal, ist schon drei Monate hier an der Müllkippe in Tondo. Vor ihm liegt Rosalia, ein Jahr alt, der Körper rot angelaufen. Sie ringt nach Luft. Rosalia ist heute bereits das siebente Kind mit Masern. Für das Mädchen kommt die Impfung zu spät. Zusätzlich hat es eine schwere Lungenentzündung. Kein Wunder bei dem stinkenden Qualm. Antibiotika werden eingesetzt. Thomas Guthoff hat gerade seine Facharztausbildung an einer deutschen Kinderklinik abgeschlossen. Bevor er sich niederläßt, will er noch einige Monate dort Arzt sein, wo Hilfe am nötigsten gebraucht wird.

Am anderen Tischende untersucht Lothar Watrinet, pensionierter Chefarzt aus Troisdorf bei Bonn, den kleinen Roberto. Watrinet macht als Seniorarzt bereits seinen zweiten Einsatz mit den „Ärzten für die Dritte Welt“. Robertos Bauch ist pralldick aufgedunsen. Nahezu jedes Kind hier hat Würmer, und fast alle leiden an Erkrankungen der Luftwege: Bronchitis, Lungenentzündung, Tuberkulose. Der Lebenskampf im Müll des Wohlstandes hinterläßt seine Spuren. Wer hier überlebt, hat es meist geschafft, ist immunisiert für später. Doch viele überleben nicht.

Permanent hungrig