Von Andreas Isenschmid

Für die Gegenwart ist der Schriftsteller Hermann Lenz nicht geschaffen. Sein Bezirk ist, so meinen viele, die Vergangenheit. In "Andere Tage", dem zweiten Band seiner zart romancierten Lebensgeschichte, beschreibt er sein Alter ego Eugen Rapp in den "Flegeljahren": "Der Vater hatte Lehrer Lindenberger zu einem Spaziergang abgeholt, und Margret Rapp ging neben ihrem Bruder hinterdrein. – ‚Denkst du an Mörike?‘ flüsterte sie. Er schüttelte den Kopf, deutete auf Vater und Lindenbergers Hinterteil und legte den Zeigefinger an den Mund. Die beiden Alten – für dich sind sie halt alt – erinnerten sich an Vergangenes, und das war immer schön."

Und nach 1968, als halb Deutschland mit dem Vergangenen brechen wollte und sich eine utopische Zukunft erfand, da erfand Hermann Lenz sich in der Erzählung "Der Tintenfisch in der Garage" eine Gegenfigur zum Zeitgeist: den Studenten Ludwig, der vertrat, man könne sich nicht an der Zukunft orientieren, sondern nur an dem, was man erfahren habe, am Vergangenen. Und der darum als Zwanzigjähriger vom Alter wie von einem Paradies sprach, dem man sich annähert. "Ich beneide alle Alten", konnte er sagen. "Sie haben das meiste hinter sich."

Inzwischen könnte Lenz, was nicht seine Art ist, sich selber beneiden: Er wird nächstes Jahr achtzig, und man merkt es dem eben erschienenen achten Band seines autobiographischen Romanwerks an, daß er im vergangenheitsreichen Paradies eines Alters geschrieben wurde, das, statt sich zu verdüstern, nur immer heller wird. Der Lebensweg sei wie eine Wendeltreppe, die zum Licht emporführt, hat Lenz einmal bemerkt, und im letzten Band seiner Autobiographie überlegte er, "ob es möglich sei, in einem Buch nur den Wechsel des Lichts über der Landschaft zu beschreiben". Der neueste Band heißt nun "Herbstlicht", und in ihm tut Lenz, letztlich, genau das: Er taucht die Landschaft seines Lebens in eine wechselnde Dauer des Lichts, in "stillstehendes Herbstlicht", in "seidiges Licht", in "resigniertes Licht", in Licht, das "wasserähnlich oder wie Zinn" glänzt. Und an einer Stelle läßt er auch keinen Zweifel, woher dieses Licht kommt.

Auf einer der Italienreisen, die ihm der nun etwas vielgescholtene Hubert Burda, der im Buch "Urban" heißt, "bezahlt" hat, besucht Eugen Rapp alias Lenz eine Basilika in Aquilea. Dort sieht er "Mosaiken, die grünlich und ockerfarben waren und Tiere sehen ließen. Die durften hier schon wie nach dem Tod leben, also mit Licht durchtränkt. Auch ihre Seele war unsterblich, weil sich die Seele nicht veränderte, also unirdisch war." Es ist, scheint mir, der tiefste Wunsch von Lenzens "Schreib-Arbeit", dieses unirdische jenseitige Licht sichtbar zu machen. "Literatur", schreibt er in "Herbstlicht", "hatte mit Irdischem wenig gemein; sie war eine variable Größe, zog Unterirdisches herauf oder flog dem Außerirdischen entgegen, sozusagen. Und welche Ströme sich in ihr auswirkten, das wußte vielleicht nur die Seele. Wem’s gelänge, der Seele selber zu begegnen, sie am Ende gar zu einem Interview zu ermuntern, der hätte Wichtiges erfahren. Aber die Seele äußerte sich selten von Mund zu Mund."

Drum spielen in diesem Buch, an dessen hellsten Stellen man der Seele, nach meinem Eindruck, flüchtig gewahr werden kann, Gespräche eine so geringe Rolle. Vordergründig tut Lenz zwar so, als schriebe er eine Art Autobiographie, Er erzählt uns Begebenheiten aus seinem Leben in den Jahren 1975 bis etwa 1990. Er läßt den Schmerz und die Bitterkeit noch einmal aufleben, die die Vertreibung aus dem Elternhaus, in dem er über fünfzig Jahre gewohnt hatte, und der Umzug nach München ins Elternhaus seiner Frau mit sich brachten. Er erzählt von den angenehmen und unangenehmen Folgen des späten Ruhms, der ihm nach Peter Handkes "Einladung, Hermann Lenz zu lesen", seit 1973 zuwuchs: von der Bayerischen Akademie und vom Büchner-Preis (1978), von Lesetourneen, Italienreisen und vom Petrarca-Preis (1987), von Erinnerungen, alten Bekannten und, immer wieder, von Wanderungen. Er plaudert und posiert, er ironisiert, naiv und verstohlen, daß es eine Freude ist (und manchmal plappert er sogar ein bißchen),

Doch eigentlich scheint es ihm auf all das gar nicht anzukommen. Er schildert es zwar mit der Erinnerungsschärfe, für die er zu Recht berühmt ist. Doch im Grunde geht es ihm nicht um die Beschreibung seines Lebens, sondern um dessen ästhetische Verwandlung durchs Schreiben. Sie ereignet sich in dem, was ich noch mehr bewundere als die Prägnanz dieser Prosa in Lenz’ Kunst, die scharfen Bilder seines Lebens zugleich ineinanderfließen zu lassen, als wären sie naß in naß aquarelliert, und sie mit Licht zu durchstrahlen, als wären sie vom späten Turner. Er trägt die Farbtöne seines Lebensbildes auf wie der Maler Robert Ross in Lenz’ Erzählung "Jung und Alt": "Durchscheinend", mit "hineingestrahltem" Licht. Und wenn er Gespräche wiedergibt, dann geht es ihm weniger um den Inhalt, als ums "Hinhorchen, auf das was heraufsteigt, wenn der andere redet". Ums "Dahinterschauen".