SEIFHENNERSDORF. – Nahe diesem kleinen Ort im Kreis Zittau überragt ein Müllberg die Landschaft. Vor der Einfahrt zur Deponie wartet – wie so oft – ein gutes Dutzend Menschen. Die meisten kommen aus Leute dorf, das nur drei Kilometer entfernt über der Grenze in der Tschechoslowakei liegt. Die Leute sitzen in Skodas oder lehnen mit verschränkten Armen neben ihren Fahrrädern. Plötzlich kommt Bewegung in die Gruppe: Ein VW-Golf mit Zittauer Nummer biegt zur Deponie ein. Die Varnsdorfer warten ehrfurchtsvoll in einem Meter Abstand, bis der Fahrer den Kofferraum öffnet. Dann ziehen sie Müllsäcke mit Kleidung und Zeitungspacken heraus, verstauen die Beute in ihren Autos und auf ihren Fahrradanhängern. Der VW-Fahrer wendet, er braucht nicht hoch zur Deponie zu fahren, sein Kofferraum ist leer. Die böhmischen Nachbarn konnten alles gebrauchen.

Müll von der deutschen Deponie läßt sich jenseits der Grenze bestens verkaufen. Altpapier bringt dreißig Heller (zwei Pfennige) pro Kilo. Ein Fernsehgerät aus DDR-Produktion verkauft sich für 3000 Kronen (170 Mark), soviel, wie ein tschechischer Arbeiter im Monat verdient. Und Fernseher finden sich häufig auf dem Müll: Die Seifhennersdorf werfen ihre alten Geräte weg, die noch nach dem Secam-System funktionieren.

Seifhennersdorf mit seinen 7000 und Varnsdorf mit seinen 16 000 Einwohnern trennt äußerlich nicht viel. Visa brauchen weder Deutsche noch Tschechen. Der kleine Grenzverkehr ist beliebt, auf beiden Seiten, aus unterschiedlichen Gründen. Aber Geld ist immer im Spiel.

Frantisek Hnizdil, 31 Jahre alt, arbeitet bei Velveta, einer der beiden großen Fabriken in Varnsdorf. Velveta stellt Kordstoffe her und gibt 3500 Leuten Arbeit. „Ich verdiene 2800 Kronen im Monat, nicht mal 160 Mark“, sagt Hnizdil, „damit bleibt man arm. Deshalb fahre ich jeden Samstag rüber zur Müllkippe, so kann ich leben. Ein Freund von mir ist Lehrer, der arbeitet für vier Mark drüben in Zittau auf dem Bau, schwarz. Hier Schüler zu unterrichten, lohnt sich nicht.“

Tatsächlich ist das Einkommensgefälle zwischen Varnsdorf und Seifhennersdorf erheblich: Der Direktor von Velveta verdient im Monat genausoviel wie ein Sozialhilfeempfänger auf der deutschen Seite der Grenze. Dementsprechend niedrig sind die Lebensmittelpreise im tschechischen Varnsdorf: 250 Gramm Butter kosten 19 Kronen (1,10 Mark), ein halber Liter Pilsener 8 Kronen (45 Pfennige). Die Deutschen bedienen sich reichlich. Nach dem Motto: Was zuviel ist, kommt in die Tiefkühltruhe. Deshalb haben die Kaufleute in Varnsdorf schon Quoten eingeführt: Ein Kunde darf nicht mehr die gesamte Butter oder das gesamte Fleisch aufkaufen. Der Varnsdorfer Bürgermeister redet nur gut über die deutschen Nachbarn, auf der Straße dagegen ist die Stimmung auf einem Tiefpunkt. Schon jetzt ist der Varnsdorfer in der eigenen Stadt Kunde zweiter Klasse. Ein Metzger am Markt verkauft nur noch an Deutsche, für Einheimische sind seine Schnitzel zu teuer.

Nach dem billigen Einkauf gehen die deutschen Seifhennersdorfer, Neugersdorfer, Großschönauer gern noch essen: etwa ins „Podluzanka“, fünf Kilometer außerhalb von Varnsdorf, dort findet sich mit Glück noch ein Platz. Seit Juni 1991 wird das „Podluzanka“ privat geführt. Das Gulasch mit Knödeln kostet 35 Kronen, rund zwei Mark. Neben den Säbeln aus k.u.k. Zeiten flimmert Satellitenfernsehen im Gastraum; MTV bringt die Top twenty in den holzgetäfelten, 1798 erbauten Gasthof. Der Kellner versichert, die „Westler“ mögen das. Sie kommen – vielleicht trotzdem – in Scharen. Im Seifhennersdorfer „Ratskeller“ dagegen wartet die Bedienung Abend für Abend auf Gäste. Die paar Bestellungen pro Tag reichen kaum zum Überleben.

Im Juli 1991 berichteten die Zeitungen von Bürgerwehren in Seifhennersdorf. Nachbarn hätten sich organisiert, nachdem in einer Nacht 34 Bungalows aufgebrochen wurden. Der Bürgermeister Ernst Heine warnte vor möglicher „Lynchjustiz“. Seitdem unterstützt der Bundesgrenzschutz die Polizei und fährt selber Einsätze in Seifhennersdorf.