Von Judith Reicherzer

Es hätte ein Signal sein sollen: Bundeskanzler Helmut Kohl kündigte an, er und seine Minister wollten in diesem Jahr ihre Bezüge um fünf Prozent kürzen. Heraus kam dann nur eine Nullrunde von zwei Jahren (siehe auch: „Bonner Kulisse“, Seite 24). Das Echo in der Öffentlichkeit war verheerend – die gute Absicht jedoch immerhin zu erkennen: In schweren Zeiten müssen auch Gutverdienende zu Opfern bereit sein. Auch die Länderkabinette in Hessen und Berlin legten sich in gleichem Sinne einen Verzicht auf Gehaltserhöhungen auf.

Doch dort wo die höchsten Gehälter gezahlt werden – in der Wirtschaft –, hält man von solchen Opfern nicht viel. Gehaltsverzicht ist in den Chefetagen ein Fremdwort, sobald es um den eigenen Geldbeutel geht. Enzio von Kühlmann-Stumm, Pressesprecher beim Münchner Siemens-Konzern: „In der Politik ist dieser Vorschlag sachdienlich. Die Minister sind gewählt, bei uns sind es Marktpreise. Das ist nicht vergleichbar.“

Ob Siemens oder irgendein anderes Großunternehmen, die Vorstände in Deutschland wollen nicht verzichten, sondern langen in diesem Jahr wieder kräftig zu. Ihre Bezüge werden im Durchschnitt um sechs bis acht Prozent steigen – und damit weitaus schneller als die Tariflöhne. „Wenn Herr Hahn auf einen Teil seines Einkommens verzichtet, spart Volkswagen nur Personalkosten. Die deutsche Einheit wird damit noch lange nicht finanziert“, verteidigt Ortwin Witzel, Pressesprecher bei Volkswagen, die Haltung seines Vorstandes.

Von ihren Mitarbeitern fordern die Chefs allerdings Lohnzurückhaltung. Die deutsche Wirtschaft könne sich nur erholen, wenn es eine Wende in der Lohnpolitik gäbe, mahnte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) Mitte April in seinem Konjunkturbericht. Auch die Streikwelle in diesem Frühjahr hat mit dem Wunsch der Arbeitgeber zu tun, eine „Trendwende“, sprich: niedrigere Lohnabschlüsse durchzusetzen.

Möglicherweise müssen sich die Chefs wohl bald mit der Forderung nach einer Wende in ihren eigenen Bezügen auseinandersetzen. In den Vereinigten Staaten jedenfalls ist die Debatte schon längst im Gange. Die Gewinne amerikanischer Unternehmen sanken im vergangenen Jahr um etwa ein Fünftel, ein Ende der Rezession ist nicht absehbar. Viele Amerikaner machen nun ihre Bosse für das Desaster verantwortlich – und fordern von ihnen, den Gürtel enger zu schnallen. Erstmals seit Jahrzehnten rebellieren die Aktionäre großer Konzerne gegen die Selbstbedienung der Konzernvorstände (siehe ZEIT vom 26. Juli 1991). Die Zeiten sind vorbei, in denen Chrysler-Chef Lee Iacocca behauptete, wer viel verdiene, sei ein ideales Vorbild für die Jugend.

Reich wurden Amerikas Topmanager nicht allein durch hohe Grundgehälter. Viel mehr Geld machten sie mit Aktienoptionen, die sie als Leistungsprämien zusätzlich bekamen. Statt sich aber – wie beabsichtigt – über die Eigentumsanteile stärker mit der Firma zu identifizieren, spekulierten die Vorstände damit an der Börse. Die Chefs des Verlagshauses Time Warner, Steven J. Ross und N.J. Nicholas, sollen 1990 zusammen Jahresbezüge von fast hundert Millionen Dollar bekommen haben. Paul B. Fireman, Vorstandsvorsitzender der Sportschuhfirma Reebok International, soll immerhin noch 33,3 Millionen Dollar kassiert haben, Walt-Disney-Boß Michael D. Eisner zählt mit geschätzten 11,2 Millionen Dollar jährlich ebenfalls zu den Spitzenverdienern.