Von Harry Pross

Übertriebene Vorschriftelei auf einem Gebiet, das nicht unbedingt Vorschriften haben sollte", verspottete V.O. Stomps mit seiner Streit-Zeit-Schrift, die im April 1956 zum ersten Mal erschien. Stomps, Fabel-Dichter, Kommandeur und hauptberuflich Mini-Pressen-Verleger, hatte guten Grund zu dieser Vorbemerkung. Die Vierteljahresschrift war zwar 25 Zentimeter hoch, aber nur fünf Zentimeter breit. Dabei kostete das Einzelheft zwei Mark, und das war 1956 viel Geld für sechzig so schmale Seiten. Auch war im Wirtschaftswunderland, wo Adenauer bald mit seiner Parole "Keine Experimente!" die absolute Mehrheit gewinnen sollte, für den Inhalt nicht viel Interesse zu erwarten. Walter Höllerer umschrieb ihn im selben Heft so: "Dem Kritiker geht es um die Stichhaltigkeit des Phänomens und damit um das, was das Phänomen verantwortet – oder nicht verantworten kann; dem Nörgler ist’s um verletzte Bequemlichkeit zu tun." Bequemlichkeit war gefragt, nicht Streit, und es war klar, daß der Kritiker gewisse Unbequemlichkeiten in Kauf zu nehmen hatte, etwa die, daß seine Kasse nicht stimmte. "Steckenpferde dienen nicht zum Pflügen", hatte schon Lichtenberg vermerkt, und sie sind auch "keine Kutschpferde".

Die alte Geschichte fiel mir ein, als ich jetzt neue Zeitschriften las. Sie sind noch immer die Steckenpferde ihrer Herausgeber; aber der Anspruch, den sie erheben, ist doch, verglichen mit 1956, entindividualisiert. Man will nicht mehr einfach nur zur Kritik beitragen. Damit käme man in einer so experimentierfreudigen Zeit, in der Adenauers Enkel glauben, mit ganzen Kontinenten Fangball spielen zu können, auch schlecht weg. Heute herrscht die Vorschriftelei über alles, über alles in der Welt, und das erschwert die Kritik. Sie wird überhaupt nur noch von der Basis gesicherter Finanzen zur Kenntnis genommen. Die gibt es aber nur durch kollektive Assoziation mit bestimmten thematischen Beschränkungen, die dann in ihrer periodischen Wiederholung öffentliches Gewicht gewinnen. Querdenken ausgeschlossen.

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Das Humboldt-Journal zur Friedensforschung, das bisher von der Humboldt-Universität verlegt wurde, ist mit Heft 7 (1991) in den Frankfurter Verlag für Interkulturelle Kommunikation übergegangen. Herausgeber bleibt das Institut für Friedens- und Konfliktforschung der Humboldt-Universität zu Berlin. Redakteur Andrée Türpe möchte die Konfliktforschung durch die Dialogforschung ergänzt sehen, weil er findet, wir seien "zum Dialog" verdammt. Darüber läßt sich reden, wenn man eine gemeinsame Sprache für konträre Deutungen findet. Dialog statt neues Feindbild (Wolfgang Richter) ist innen- wie außenpolitisch geboten. Der Arzt Till Bastian hat im schwäbischen Isny neuerdings dafür ein Institut gegründet, aufgeschreckt von "Satanischen Versen", die sich unsere Öffentlichkeit auf den Golfkrieg gemacht hat. In Bremen und Harare/Zimbabwe ist der Journalist Klaus Jürgen Schmidt am Werke, mit Freunden eine Radio-Brücke Übersee e.V. zu bauen, die den Einbahnverkehr im Äther dialogisieren soll. Das Humboldt-Journal scheint auf dem richtigen Weg, wenn es für 1992 "Friedenspsychologie als politische Wissenschaft", "Deutschland im Spannungsfeld" und daran anschließend das Verhältnis Nationalstaat und Frieden ankündigt. Keine neuen Themen; aber im neuen Zustand des "Weltsyndikats" (Alfred Weber 1945) mit neuen Bedeutungen zu belegen.

An der Möglichkeit zu dialogisieren kann der Leser freilich verzweifeln, wenn er die neuen demographischen Entwicklungen zur Kenntnis nimmt, die Regine Kollek über die 5,4 Milliarden Zeitgenossen und deren rapides Wachstum vorstellt: "Der Single – Inbegriff der Überbevölkerung". Man schätzt die Zehn-Milliarden-Grenze auf das Jahr 2050, 95 Prozent der Bevölkerung entfallen dann auf die Länder des Südens. Aber, so die Autorin: "Jedes Nachdenken über eine bewußte Beeinflussung der Bevölkerungsentwicklung muß zur Kenntnis nehmen, daß Menschen nicht nur Naturwesen sind, sondern als moralische Wesen einer symbolischen Welt angehören, deren normative Strukturen kulturell und sozial geprägt sind. Jeder Eingriff muß sich deshalb daran messen lassen, ob er mit den strukturierenden Werten dieser symbolischen Welt, d.h. mit menschlicher Freiheit und menschlicher Würde kompatibel ist" Und, so das Fazit, unser Wohlstandsmodell ist es nicht. Der Essay steht zu Beginn einer neuen Zeitschrift des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Titel: "Mittelweg 36" (Redaktion: Thomas Neumann und Gaby Zipfel. Zu beziehen über: Vertrieb Extra Verlag, Langgasse 24, 6200 Wiesbaden).

Die Themen des ersten Heftes stellen nicht den Dialog, sondern den Kontext in den Vordergrund ihrer Betrachtung, einem Argument des Matthias Claudius folgend, "vielleicht sei auch der Plan Gottes nicht der Länge, sondern der Quere nach zu suchen". Jan Philipp Reemtsma verdeutlicht in einer Laudatio zum siebzigsten Geburtstag des englischen Philosophen Stephen Toulmin, daß die "langen Rhythmen der Politik" analysiert werden sollen, wie sie Renaissance und Aufklärung mehrdimensional gesehen haben. Das leuchtet um so mehr ein, als alle bisherige Detailforschung nicht "Humanität und Urbanität in eins" bringen, wie schon Lichtenberg kritisiert hat.