Wie holt man Geschichte aus der Vitrine? Man nimmt die Fundstücke, läßt sie erzählen, ergänzt hier und da durch eigene Erfindung, und schon läuft die kleine Zeitmaschine auf vollen Touren. Aber wehe, die Konstruktion ist nicht sorgsam durchdacht: Dann zappeln historische Gliederpuppen vor unseren Augen, mechanische, museale Nervtöter, die Langeweile verbreiten.

Bei Michail Krausnick funktioniert die Motorik der Figuren. Ohne Fehlzündung schnurrt seine Zeitmaschine zurück in die Zeit um 1800. Sie führt ins Linksrheinische und nimmt auch all die mit, die schon etwas zu schlau sind, um sich noch Räuberpistolen erzählen zu lassen. Konzentration wird verlangt, aber der Autor gibt Hilfestellung: Er hat seine Erzählung nicht überfrachtet und trotzdem genügend anschauliche Details gestreut. Spannend wird so schon das erzählte Milieu.

Der sechzehnjährige Claus Ullmann ist der Räuberlehrling wider Willen. Mit einem fiesen Trick hatten ihn die Wittgensteiner Husaren „angeworben“ und verschleppt. Jetzt ist er Deserteur, und die „Angst im Gesicht“ wird zu seiner Uniform. Aber nicht nur die Husaren haben ihre Häscher im Lande, auch bei den großen Räuberbanden wird durch listige Zuführer das Personal aufgestockt. So landet er beim „Herrn Pindray“, einem „Kaufmann“. Der fragt den Ullmann: „Willst handeln, fetzen und malochen?“ Ja, das will er. Aber als er auf der ersten „Geschäftsreise“ merkt, daß er in ein forsches Räuberkollektiv geraten ist, ist jeder Widerstand zwecklos. Höhnisch singen sie ihm das Lied von der Räuberfreiheit und schildern ihm seinen Teil bei der nächsten Maloche: „Reich werden, Ullmännchen, reich werden! Soldatenlieder singen, ein wenig in die Luft ballern, das Licht halten, tragen helfen.“

Doch naht schon, auf einer zweiten Ebene, der Verfolger – Eduard Klotz. Öffentlicher Ankläger in den französisch besetzten, linksrheinischen Gebieten, will er den Banden das Handwerk legen. Bürger Klotz ist passionierter Anhänger der Französischen Revolution, des Code Napoleon und der modernen Kriminalistik. Er setzt auf raffinierte Verhöre statt martialischer Folter, Karteikarten statt Stockschläge. Aber Klotz hat es schwer. Immer wieder entschlüpfen ihm seine Pappenheimer in einen der benachbarten deutschen Klein- und Kleckerstaaten. Doch diesem „Kaufmann Pindray“ alias „Schwarzer Malocher“ alias Franz Georg Wittig, dem bleibt er auf den Fersen.

So bietet Krausnick – und das ist sehr gelungen – dem jugendlichen Leser zwei Identifikationsfiguren, den Räuberlehrling und den napoleonischen Maigret. Und besser läßt sich das Interesse auf die historische Situation und das Gesellschaftsbild kaum lenken.

Aber schon Klotz allein bietet genügend Stoff zum Sinnieren: „Was wir brauchen, sind würdige Zeremonien, feierlicher Ernst. Das heilige Menschenrecht, Humanität und Vernunft sollen triumphieren! Das ist der Sinn des modernen Blutgerichts...“ Doch nach dem Vollzug erfolgt die große Ernüchterung: „Nichts ist ekelhafter als eine gebrauchte Guillotine!“ Reinhard Osteroth

  • Michail Krausnick: Der Räuberlehrling

Hoch-Verlag, Stuttgart, Wien 1992; 142 S., 19,80 DM