So schnell wie möglich, meinen denn auch Gewerkschafter wie Arbeitgeber, müßten nach dieser "verflixten Tarifrunde" Verhandlungen über grundlegende Strukturveränderungen im öffentlichen Dienst aufgenommen werden. Das freilich kann eine Aufgabe sein, die bis zur Jahrtausendwende dauert, fürchten Tarifexperten.

Nachdenken wollen Vertreter aus Ländern und Gemeinden zudem über die traditionelle Tarifführerschaft des Bundes. Schließlich liege der Personalkostenanteil des Bundes gerade bei gut 12 Prozent des Gesamtetats. Die Länder, die Polizisten und Lehrer zu bezahlen haben – und die bekommen bisher stets den gleichen Satz wie die Arbeiter und Angestellten –, müssen insgesamt rund 42 Prozent aufwenden und die Gemeinden immerhin noch etwa 31 Prozent. "Der Bund entscheidet, wo die Schmerzgrenze liegt, und wir müssen dann den Streik ausbaden", klagt ein Vertreter der Kommunen.

Überdies könne der Bund am ehesten über Steuern wieder hereinholen, was er seinen Beschäftigten zugestanden habe. Die Länder dagegen stöhnen unter der Abhängigkeit von Bonn, und die Kommunen verweisen auf die Schwierigkeiten, etwa im Nahverkehr oder bei Gas und Wasser Preiserhöhungen durchzusetzen. Unter der Last der Müllberge und stillgelegten Autobusse und Bahnen drohten dennoch in diesen Tagen einzelne Gemeinden damit, aus der Solidarität der Arbeitgeber auszuscheren.

Einige Oberbürgermeister und Stadtdirektoren hätten sich den Ärger mit dem Ausstand liebend gern erspart und gleich dem Schlichtervorschlag zugestimmt. Und auch bei den Ländern gab es Unstimmigkeiten, obwohl die Ablehnung der Krause-Empfehlung und das dann folgende 4,8-Prozent-Angebot in einer Sitzung der Tarifgemeinschaft Deutscher Länder am 13. April einstimmig beschlossen wurde. Doch Rudolf Scharping und Gerhard Schröder, die Ministerpräsidenten von Rheinland-Pfalz und Niedersachsen, und einige andere hätten Krauses Spruch eigentlich trotz ihrer Finanzmisere doch lieber angenommen.

Aus der Sicht von Kommunen und Ländern hat die ungleiche Verteilung der Lasten bei den Arbeitgebern den Kompromiß mit den Gewerkschaften in diesem Jahr besonders behindert. "Bonn wollte ein Exempel statuieren, und wir mußten das Spiel mitspielen", erklärt einer aus den Ländern die Solidarität, "denn sonst hätte der Kanzler uns gesagt, ‚na, ihr scheint es ja dicke zu haben.‘" Der Verteilungskampf, so das Fazit eines Verhandlers, spielte sich in dieser Tarifrunde also nicht nur zwischen den gewohnten Fronten Arbeitnehmer und Arbeitgeber ab. Einen Verteilungskampf gebe es derzeit auch zwischen dem Bund auf der einen sowie Ländern und Gemeinden auf der anderen Seite. Das habe die Auseinandersetzung so auf die Spitze getrieben.