Dieser Mann hat Talent. Also brauchen wir ihn, und zwar dringend.

Marcel Reich-Ranicki in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ vom 4. Mai 1992 über Thomas Gottschalk

Er wird uns noch manche Überraschung bescheren. Zuzutrauen ist ihm alles.

Marcel Reich-Ranicki im „Spiegel“ vom 4. Mai 1992 über Günter Grass

Nackter Lunch

Haben wir nicht alle herzlich gelacht, als der Rezensent Albert von Schirnding in der Süddeutschen Zeitung seine Lobrede auf eine Thomas-Mann-Ausstellung schwang, die der Thomas-Mann-Liebhaber Albert von Schirnding (nicht verwandt, nicht verschwägert) mitorganisiert hatte! Wir hielten das seinerzeit für eine Biergartenlaune, für feine Ironie und reichlich versetzt mit ThomasMannscher Stammwürze. Ach, was wußten wir, wir kleingläubigen Kleinsparer! Und hätten es doch wissen können, wie sich sowas gehört: In dem Film „Bis ans Ende der Welt“, wo der Künstler als Werbefilmer für Aspirin dilettierte, gab uns Wim Wenders eindeutige Verweise auf die herrschende Kasse. Peter Buchka, den Filmkritiker unserer geliebten Süddeutschen, fochten derlei Risiken und Nebenwirkungen nicht an, er lobte das Reklamekunst- zum europäischen Meisterwerk hoch. Das hat die Süddeutsche nicht rasten noch ruhen lassen. Ein weiteres Beispiel für Mischkalkulation vor Augen, zog sie eifrig nach. Eine Mitarbeiterin des Hanser Verlags hatte nämlich den Lesern der Welf wohl erzählt, wie es bei Julien Green zu Hause in Paris aussieht, nicht aber, daß sie sein Werk zu Hause bei Hanser in München als Lektorin betreut. Not kennt kein Gebot, schon gar kein Werbeverbot. Und schon fiel auch der sonst angenehm verspäteten Süddeutschen etwas dazu ein: Vergangene Woche durfte der Mitarbeiter Marc Hertling zum Start des Films „Naked Lunch“ ein Gespräch mit dem Regisseur David Cronenberg führen. Der Kontakt fiel Hertling nicht besonders schwer, war doch, wie das Presseheft ausweist, eben dieser Marc Hertling vom Verleih Jugendfilm mit der Pressearbeit für „Naked Lunch“ betraut. Saubere Arbeit: Feuilleton geleast, Film verkauft. Alles nackt.

Paul Stöcklein