Die Hamburger Kosmetikfirma Beiersdorf (Nivea) hat eingesehen, daß sie selbst etwas tun muß. In fünf Jahren soll der Krankenstand von 6,5 Prozent um einen Prozentpunkt gesenkt werden. Das würde drei Millionen Mark einsparen. Beiersdorf will Arbeitsplätze anders gestalten und Führungskräfte neu schulen. Mitarbeiter, die regelmäßig an Gesundheitskursen teilnehmen, bekommen von der AOK am Jahresende bis 520 Mark Beiträge zur Krankenversicherung erstattet.

In der Diskussion um die Karenztage wird oft vergessen, daß die Unternehmen schon jetzt Möglichkeiten haben, sich gegen notorische Blaumacher zu wehren. Bei Dunlop zum Beispiel führen die Vorgesetzten mit ihren Pappenheimern sogenannte Rückkehrergespräche, bei denen nicht unbedingt milde Töne vorherrschen. Wenn das nichts hilft, folgt die Kündigung. Rund hundert Mitarbeiter wurden in den vergangenen Jahren wegen angeblicher Scheinkrankheit entlassen. Selbst bei echter Krankheit haben es die Unternehmen nicht allzu schwer, einen Mitarbeiter loszuwerden. Im Bezirk der IG Metall Stuttgart wurden 1990 fast neunzig Prozent aller Kündigungen vom Arbeitgeber mit häufiger Krankheit begründet.

Trotz der Alternativen beharren die Unternehmen auf Karenztagen, obwohl diese Lösung besonders ungerecht ist. Denn sie trifft alle Arbeitnehmer, auch die große Mehrheit der ehrlichen. Zudem würde sehr teuer abgestraft. Schon ein Karenztag kann in den unteren Lohngruppen weh tun; bei drei Tagen können es sich manche nicht mehr leisten, wiederholt krank zu werden.

Der Erfolg ist obendrein keineswegs sicher. Heinz Salowsky, Sozialexperte beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft, hält es für möglich, daß Karenztage die Fehlzeiten sogar ansteigen lassen. Wer krank wird und dafür Lohneinbußen hinnehmen muß, könnte sich sagen: Damit es sich lohnt, bleibe ich ein paar Tage länger zu Hause. Der Einkommensverlust würde mit Freizeit ausgeglichen.

Auch die Statistik spricht nicht gerade dafür, daß die Lohnfortzahlung den Absentismus befördert. Als sie 1970 für alle eingeführt wurde, stiegen die Fehlzeiten zwar vorübergehend, sackten dann aber sogar unter das alte Niveau. 1990 fehlten die Arbeitnehmer jährlich sechs Stunden weniger als 1969.

Und dann ist da noch ein ganz großer Haken. Die Lohnfortzahlung steht nicht nur im Gesetz, sondern wird auch in den meisten Manteltarifverträgen abgesichert. Die müßten also gekündigt werden, und für diesen Fall haben die Gewerkschaften bereits "Massenstreiks" angekündigt.