Das solide Rückgrat des unermeßlichen russischen Reiches ist noch immer die Eisenbahn mit der längsten Gleisstrecke der Welt von 9297 Kilometern. Ohne diesen Schienenweg – zunächst eingleisig, seit Mitte der dreißiger Jahre zweigleisig ausgebaut – wäre Rußland weder ein mächtiger Industriestaat geworden, noch wäre das Reich regierbar. Der Schöpfer der „Transsib“ heißt Graf Witte, nach zeitgenössischem Zeugnis zwar „ein Reaktionär reinsten Wassers“, zugleich aber ein großer Realist und keineswegs ein Utopist.

Sergej Julévič Witte stammte väterlicherseits aus dem Baltikum, wohin seine niederländischen Vorfahren eingewandert waren. Sein Vater war höherer Beamter in Tiflis. Dieser trat vom Luthertum zur orthodoxen Kirche über, um in eine Familie des russischen Uradels (Dolgorukow) einheiraten zu können. Sein Sohn hatte nach dem Universitätsstudium als Ingenieur bei der Südwestbahn seine Laufbahn begonnen. Er lernte das Eisenbahnwesen so gründlich, daß er bald als der absolute Fachmann auf diesem Gebiet galt. Schon unter Alexander II. bekleidete er wichtige Regierungsstellen.

Nach dem tödlichen Attentat auf Zar Alexander II. (1881) begleitet Witte dessen Nachfolger Alexander III. auf einer Reise im südwestlichen Staatsgebiet. Da er die Brüchigkeit des Schienennetzes kennt, warnt er davor, den Eisenbahnzug des Zaren mit überhöhter Geschwindigkeit zu fahren. Seine Warnungen bleiben fruchtlos, selbst der Zar findet seine Vorsicht lächerlich. Und genau auf der Strecke, vor der Witte gewarnt hat, kommt es zur Katastrophe. Der Zug entgleist bei voller Fahrt in der Provinz Charkow: 28 Tote, 37 Verletzte. Der Speisewagen, wo sich die Zarenfamilie gerade aufhielt, brach vollständig auseinander. Der Herrscher rettete seine Familie, indem er das herabstürzende Dach des Wagens solange hochstemmte (der Zar war von riesiger Gestalt und verfügte über enorme Körperkräfte), bis sich alle Insassen in Sicherheit gebracht hatten.

Gleich drei Minister müssen nach Abschluß der Untersuchung ihren Hut nehmen. Witte wird Verkehrsminister. Der Zar äußert sich so über ihn: „Dieser rauhe Bursche hat praktisch in meiner Gegenwart den Verkehrsminister beschimpft, er werde mir schließlich noch den Hals brechen. Aber alles hat sich so abgespielt, wie er es vorausgesagt hatte. Ich will diesen Menschen richtig einsetzen.“ Im September 1892 wird Witte Finanzminister, und er baut seine Position so aus, daß er die Funktion eines Ministerpräsidenten (den gab es in Rußland vor 1906 nicht) ausübte. Sofort geht er daran, seinen Traum, die Industrialisierung Rußlands durch den Bau der transsibirischen Eisenbahn, zu verwirklichen.

Witte hat begriffen, das geht aus seinen Memoranden hervor, daß dieses Bauvorhaben die Entwicklung Rußlands wirtschaftlich, politisch und zivilisatorisch gewaltig beschleunigen wird und außerdem das Reich militärisch stärkt. Wir wollen hier gleich vorwegnehmen: Auch die Schlacht von Stalingrad 1942/43 wurde von der Transsib mit gewonnen. Auf ihr rollten endlose Züge mit Nachschub, Soldaten, Panzern, Verpflegung und Munition aus Sibirien heran.

So wie 1806 die Vernichtung des friderizianischen Preußens bei Jena und Auerstedt durch Napoleon dem Freiherrn vom Stein die Möglichkeit gab, durch bürgerliche Reformen Preußen wieder auferstehen zu lassen, so zwang der gegen England, Frankreich und Österreich verlorene Krimkrieg (1853-1856), durch den Rußland seine Vormachtstellung auf dem Kontinent verlor, das Selbstherrschertum, den Zustand des Reiches und seinen Rang in der Weltpolitik zu überdenken.

Der Krimkrieg hatte bewiesen: Der russische Koloß war, obwohl er von seinem riesigen Territorium keinen Quadratkilometer eingebüßt hatte, hoffnungslos um hundert Jahre hinter den westeuropäischen Industriestaaten zurückgeblieben. Es gab zwischen Moskau und der Krim, dem Kriegsschauplatz, nicht einen einzigen Kilometer Eisenbahnschienen. Die russischen Truppen mitsamt der Artillerie, dem Troß und dem Nachschub mußten Tausende Kilometer auf elendsten Straßen und Wegen überwinden, wobei ein Drittel der Soldaten umkam. Auf denselben „Straßen“ wurden Zehntausende Verwundete auf Pferdewagen und Karren zurückgeführt, ein unmenschliches Martyrium. Wie dem Gegner zum Hohn bauten die englischen Landungstruppen auf der Krim vom Hafen Belaklawa bis zu den Linien vor Sewastopol eine kleine Eisenbahnlinie für den gesamten Nachschub!

Fünf Jahre nach dem Ende des Krimkrieges liquidierte Alexander II. die Leibeigenschaft. Die Bauernbefreiung war ein erster Schritt in die moderne Zeit. Eine uralte Rechtsordnung hörte auf zu existieren. Unter dem Ansturm der folgenden Industrialisierung zerbröckelte die soziale Basis des Zarismus, die gutsbesitzende Adelsherrschaft. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß es der Adel und seine Apologeten waren, die dem Fortschritt den wütendsten Widerstand entgegensetzten. Aber er war es nicht allein. Witte und seine Vorgänger stießen – ganz ähnlich wie die heutigen Reformer – auf die tiefe Abneigung fast der gesamten russischen Öffentlichkeit gegen den Kapitalismus.

Das denkende Rußland war im ganzen 19. Jahrhundert von einem überzeugt: Das Bauerntum, jene riesige Masse von Leibeigenen, Staatsbauern und dann nach 1861 persönlich (fast) freien Bauern, sei der Humus, auf dem sich die Zukunft Rußlands entfalten würde, zumal es bis dahin im Lande weder ein freies Handwerkertum noch einen Stamm tüchtiger Unternehmer gab, jene beiden Säulen, auf die sich die stürmische kapitalistische Entwicklung Westeuropas stützte.

Witte und seine Vorgänger waren in einem Staatswesen tätig, das seit dem Krimkrieg immer am Rande des Bankrottes hintaumelte. Der teilweise sehr begüterte Adel dachte nicht im Traume daran zu investieren. Das Land hatte bis 1906 weder Verfassung noch Parlament. Es gab keine Institution, in der politische und wirtschaftliche Initiativen wirksam werden konnten und zu Gesetzen wurden. So absonderlich es klingen mag: Vor 1861 wurden nicht wenige Betriebe auf kapitalistischen Basis von begabten Leibeigenen geleitet! Unter diesen gesellschaftlichen Bedingungen ist es begreiflich, daß die Energien begabter und vorwärtsdrängender Persönlichkeiten, die in diesem Rußland zu ersticken drohten, sich in zwei Richtungen entluden: der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts, die in ihrer Vielfalt und ihrem Reichtum einmalig in der Welt war, und – im revolutionären Untergrund.

Die Industrialisierung Rußlands unterscheidet sich von Anfang an durch drei Besonderheiten von der in Westeuropa und Amerika:

  • Die Initiative geht fast ausschließlich vom Staat aus.
  • Die wesentlichen finanziellen Mittel zum Aufbau der russischen Industrie und der Eisenbahn werden durch Anleihen im Ausland und durch ausländische Investitionen aufgebracht.
  • Relativ wenige sehr große und hochmoderne Betriebe entstehen, die meist Ausländern gehören und von englischen oder deutschen Ingenieuren geleitet werden. Infolge der mangelhaften Bildungseinrichtungen waren solche Fachkräfte im Inland fast nicht aufzutreiben.

Mit der Industrialisierung entsteht eine Arbeiterschaft, die in den Großbetrieben leicht politisch zu organisieren ist und die gleichzeitig fast kaserniert unter schlimmsten Bedingungen arbeiten muß. Ein sehr erfolgreicher Politiker, der gleich Witte schließlich von seinen Feinden gestürzt wurde, erzählt, wie er um 1900 Wittes Politik als Arbeiter erlebte. Als Sohn eines armen Bauern kam er als Fünfzehnjähriger in die Stahlstadt Jusowka (so benannt nach dem Waliser Unternehmer Hughes, der dieses Industriezentrum gründete): „Ich arbeitete in einer Fabrik, die Deutschen gehörte, in Kohlengruben, die Franzosen gehörten und in einer chemischen Fabrik, die Belgiern gehörte. Dort lernte ich einiges über Kapitalisten. Sie waren alle gleich, egal, welcher Nationalität sie angehörten. Alles, was sie von mir wollten, war, daß ich soviel Arbeit als nur möglich für den geringsten Lohn leistete, der mich gerade noch am Leben hielt.“

Der Jungarbeiter lebt schon ganz in Jusowka, sein Vater dagegen bestellt im Sommer sein kümmerliches Feld, im Winter arbeitet er in einem Bergwerk. Der Vater also halb Bauer, halb Arbeiter – der Sohn schon ganz Proletarier. Das ist ein genaues Spiegelbild der russischen Arbeiterschaft um die Jahrhundertwende. Der kleine zähe Stahlarbeiter kehrt 1917 in sein Heimatdorf Kalinowka zurück, um „im Namen der Revolution“ bei der Aufteilung des Landes nicht zu kurz zu kommen. Der Name des Jungen: Nikita Sergejewitsch Chruschtschow.

Alle diese Arbeiter kommen aus dem Bauernstand. Sie sind ohne gewerkschaftlichen Schutz, ohne Unfallschutz und geregelte Arbeitszeit, die es zwar um die Jahrhundertwende geben sollte, aber oft nur auf dem Papier ... Alle werden wüst ausgebeutet, und die Polizeiaufsicht reicht bis in die Betriebe. Auf Streikende wird grundsätzlich geschossen. Die Proletarier sind empfänglich für Ideen, von denen sie sich eine Verbesserung ihrer elenden Lage versprechen, so, wie es die Mutter in Gorkijs gleichnamigem Roman von 1907 ausspricht: „Fürchtet nichts! Es gibt keine Qual, die bitterer wäre als die, die ihr euer ganzes Leben lang ertragt.“

Am 29. März 1891 schreibt Alexander III. seinem Sohn Nikolaus einen Brief. Er beauftragt ihn, in Wladiwostok den Grundstein für die transsibirische Eisenbahn zu legen. Am 31. Mai desselben Jahres führt Nikolaus diesen Befehl gehorsam aus, indem er eigenhändig einen Schubkarren mit Erde füllt, zur Trasse bringt und dort den Grundstein legt. So beginnt der Bau der längsten Eisenbahnstrecke der Welt, die Europa und Asien zum ersten Mal in der Geschichte zuverlässig verbindet. Zu diesem Zeitpunkt verfügte Rußland schon fast sechzig Jahre über Erfahrungen im Eisenbahnbau, denn 1836 war die erste Strecke zwischen St. Petersburg und der kaiserlichen Residenz in Zarskoje Selo eröffnet worden. Ihr folgt 1851 die Bahnlinie St. Petersburg-Moskau.

Bis dahin stammt das rollende Material vorwiegend aus England oder Amerika. Ausländische Ingenieure bauen diese ersten russischen Eisenbahnen. Aber die Transsib wird von russischen Ingenieuren gebaut, Schienenmaterial, Lokomotiven und Waggons sind russischen Ursprungs.

Auf der Pariser Weltausstellung von 1900 – neun Jahre nach Baubeginn und ein Jahr vor dem Ende des Baus der Transsib auf der damals größten Baustelle der Welt – präsentiert Rußland stolz seine Eisenbahnerzeugnisse: fünf mächtige Lokomotiven, drei bereits für Ölfeuerung vorgesehen; drei hochmoderne Waggons (erste, zweite und dritte Klasse – alle als Schlafwagen ausgerüstet); zwei Tankwagen für Erdöl sowie einen Kühlwagen für Milchtransporte. Die Compagnie des Wagons-Lits präsentiert einen transsibirischen Luxuszug, bestehend aus zwei Restaurantwagen, einem Luxusschlafwagen und einem Salonwagen mit Friseursalon und Badezimmer. Mit diesem Zug, von dessen Komfort der Reisende der Bundesbahn nur träumen kann, werden in den folgenden Vorkriegsjahren betuchte Europäer von Paris über Moskau bis nach Peking reisen.

Witte selber hatte andere Sorgen. Man hat ihn immer als einen rücksichtslosen, herrschsüchtigen Menschen dargestellt. Aber ein Mensch ohne diese Eigenschaften hätte niemals in diesem riesigen und verschlafenen Land – wo die Bauern sich noch bekreuzigten, wenn sie die „rollenden Samoware“ (so nannten sie die Lokomotiven) sahen – die Industrialisierung vehement vorantreiben können. Er sammelte tüchtige und begeisterungsfähige Fachleute um sich. Durch persönliche Beziehungen zu den Bankhäusern von London und Berlin, aber vor allem von Paris schaffte er jenes Dutzend Milliarden Rubel heran, ohne die er schon 1891 gescheitert wäre, als Südrußland unter einer schlimmen Hungersnot litt. Witte ließ sofort besondere Fahrpläne zur Versorgung des Notstandsgebietes ausarbeiten und ließ jüdische Getreidehändler die Hungernden mit Saatgut beliefern („Die Juden werden es schon schaffen“), zu einer Zeit, wo die ersten schrecklichen Judenpogrome das Land erschütterten und blankes Entsetzen in Westeuropa hervorriefen.

Wie funktionierte das „Witte-System“? Es läßt sich in folgenden Punkten zusammenfassen:

1. Der Bau der Transsib gibt vor allem der Schwerindustrie einen Anstoß: 1913 steht Rußland mit dem Wert seiner Bergbauprodukte, seiner Roheisen- und Rohstahlerzeugung, seiner Goldgewinnung und seiner Maschinenproduktion an vierter oder fünfter Stelle in der Welt und in der Rübenzuckergewinnung an zweiter Stelle. Die nach wie vor einsame Spitze in der Schnapsproduktion der Welt ist dagegen kein Ruhmesblatt. Zwar hat Witte mit dem Schnapsmonopol des Staates und dem Verbot von Schnapsverkauf an den Lohntagen der Arbeiter den Alkoholismus erfolgreich bekämpft, gleichzeitig aber dem Staat eine hochwichtige Einnahmequelle gesichert.

2. Die Eisenbahn verbindet endlich den Erzbergbau von Kriwoi Rog und das Kohlebecken am Donez miteinander. Der innere Markt erlebt einen deutlichen Aufschwung.

3. Rußland wird nach den USA und vor Mexiko und Rumänien der zweitgrößte Erdölproduzent der Erde.

4. In dem Maße, wie sich der industrielle Sektor sprunghaft vergrößert, wird die riesige ländliche Überbevölkerung vermindert. Ein Teil der Bewohner kann mit Hilfe der Transsib nach Sibirien auswandern, wo neben Industriestädten ein leistungsfähiges Mittel- und Großbauerntum entsteht. Zwischen 1897 und 1911 verdoppelt sich die Zahl der sibirischen Ansiedler von vier auf acht Millionen Menschen.

5. Witte stabilisiert die zerrüttete Landeswährung durch den Goldstandard. Endlich kann das Ausland Vertrauen zum Rubel haben. Als Witte 1902 als Finanzminister gehen muß, beträgt der Notenumlauf 552 Millionen Rubel, die Golddeckung 725 Millionen Rubel.

6. Den enormen Mangel an Fachkräften mildert Witte durch die Gründung von über hundert Handelsschulen und die Polytechnikschulen in St. Petersburg, Kiew und Warschau.

7. Durch günstige Eisenbahntarife subventioniert Witte ganze Industriezweige und fördert den Export energisch bei gleichzeitigem Schutz der einheimischen Industrie durch hohe Einfuhrzölle.

8. Durch Verbrauchssteuern anstelle von Umsatz- and Einkommenssteuern schont Witte die Gewinne der Unternehmer und gibt Anreize zur Direktinvestition, während er die Massenkaufkraft einschränkt.

9. Mit dem Bau der Transsib, der Transmongolischen und der Transmandschurischen Bahn will Witte Rußland den asiatischen Markt öffnen und es zu einer wirklichen europäischen und asiatischen Macht erheben.

Das Ergebnis: Die Steigerungsraten beim Industriewachstum und beim Bruttosozialprodukt in den neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts sind mit acht bis zehn Prozent jährlich die bedeutendsten in Europa. Mit Witte zeigt Rußland der Welt, zu was es fähig ist. Aber es wäre falsch, die Wirkungen des „Witte-Systems“ allein im rosigen Licht zu sehen.

Der Wirtschaftsfachmann wird sofort erkennen, welch unerhörte materielle und auch physische Opfer der Masse der Bauernschaft und der Arbeiter abverlangt wurden. Gegenüber der Arbeiter- und Bauernfrage war Witte lange einfach blind. Als riesige Streiks und Bauernrevolten den Sturmwind der Revolution von 1905 ankündeten, war es für Einsichten zu spät.

Einer der größten Irrtümer Wittes bestand darin, daß er glaubte, China „friedlich“ durchdringen zu können (mit der Beherrschung der Mandschurei und dem Vorstoß bis Port Arthur) und daß England und das längst erwachte Japan die empfindlichen Störungen ihrer Einflußsphären hinnehmen würden. Witte glaubte einfach nicht an einen Krieg mit Japan, während Nikolaus II. und seine Generäle ihn erhofften, um „die gelben Affen“ (Lieblingsausdruck des Zaren) prügeln und durch glänzende Siege das empörte Volk beruhigen zu können. Es kam anders: Im russisch-japanischen Krieg von 1904/05 wurden die Streitkräfte des Zaren vernichtend geschlagen – es folgte die Revolution von 1905.

Noch zweimal zeigte Witte in dieser Revolution, wozu er fähig war. Der amerikanische Präsident Theodor Roosevelt vermittelte die Friedensverhandlungen mit Japan, die im September in Portsmouth (USA) mit dem Friedensvertrag endeten. Die russische Delegation leitete Witte. Sein Verhandlungsgeschick, das ihm die Bewunderung der europäischen Diplomatie einbrachte, war so groß, daß Rußland mit einem blauen Auge davonkam. Rußland mußte auf Süd-Sachalin und die Mandschurei verzichten. Aber von einer Demütigung konnte keine Rede sein. Wittes Rückkehr aus den USA glich einem Triumphzug durch Europa.

Aber seine Heimat empfing ihn eiskalt. Rußland war wie gelähmt durch einen umfassenden Streik von etwa drei Millionen Menschen. Doch Witte nimmt der Revolution den Schwung, indem er den schwachen und widerstrebenden Zaren zwingt, das Oktober-Manifest zu erlassen, mit dem Rußland den ersten zaghaften und widerspruchsvollen Schritt in den Verfassungsstaat tut. Witte, selber ein entschiedener Gegner des Parlamentarismus, den er immer als „störend“ empfand, erklärte dem Zaren trocken, es müsse nun gewählt werden zwischen blutiger Militärdiktatur oder einer Konstitution.

Witte hatte das Unglück, daß er nacheinander zwei Herrschern diente, von denen der eine (Alexander III.) zutiefst reaktionär und willensstark, der andere (Nikolaus II.) durchaus reaktionär und willensschwach war. Während der Industrialisierung Rußlands knüpfte Witte die Verbindungen zu Frankreich enger. Die Folgen

Frankreich – der Abriß des Drahtes zwischen Berlin und St. Petersburg; das Militärbündnis zwischen England, Frankreich und Rußland, mit dem Rußland seine weit über hundert Jahre lang dauernde Allianz mit Preußen aufgab –, das alles hat Witte so nicht vorhergesehen. Er brauchte Geld, egal woher es kam. Aus Deutschland kam es nicht mehr. Bismarck hatte es verboten.

Eigentlich war Witte ein Mann des Friedens. Verzweifelt warnte er vor der drohenden Gefahr, als sich der Erste Weltkrieg abzuzeichnen begann, denn Witte war zutiefst davon überzeugt, daß Rußland diesen Krieg nicht durchstehen könne und seinem Untergang entgegenginge. Witte starb einsam und isoliert im zweiten Kriegsjahr 1915.

Als sich im April 1992 die Volksdeputierten zu ihrem Kongreß in Moskau versammelten, mußten sie durch ein Spalier brüllender Demonstranten hindurch. „Judasse!“ – „Ihr verkauft Rußland ans Ausland!“, das waren die Rufe. Es ist genau der Vorwurf, der auch vor hundert Jahren Witte von allen Seiten her gemacht wurde. Er war damals so unsinnig wie heute. Ganz ohne Zweifel: Rußland braucht ausländische Hilfe und ausländisches Knowhow, und es braucht Menschen mit solidem Fachwissen, mit Durchsetzungsvermögen, mit Organisationsgeschick, mit Mut und Weitsicht. Kurz, Rußland braucht heute Persönlichkeiten, die alle positiven Eigenschaften haben, die Graf Witte hatte. In seinen Memoiren schreibt Witte:

„Als Finanzminister stand ich auch im Dienst des Handels und der Industrie. In dieser Eigenschaft vergrößerte ich unsere Industrie um das Dreifache. Dies wiederum wird mir entgegengehalten. Dummköpfe! Man sagt, ich hätte fremde Maßstäbe angelegt, um unsere Industrie zu vergrößern. Was für ein albernes Argument. Wie anders kann man die Industrie entwickeln? ... Eine moderne Politik kann nicht stark sein ohne eine gut entwickelte Industrie!“