Zinkjungen“ werden in der früheren Sowjetunion die Soldaten des Afghanistan-Krieges genannt, die Überlebenden ebenso wie die Gefallenen, die in Zinksärgen aus Afghanistan in ihre Heimat transportiert wurden. Diese Rückkehr war für die Angehörigen eine weitere Demütigung. Denn die Lebenden und die Toten kehrten aus einem Krieg zurück, den es eigentlich gar nicht gab, über den in der Öffentlichkeit nur verstohlen geredet wurde. Und so erfolgte auch die Heimkehr verstohlen, fast anonym. Sie war kein Gesprächsthema. Wie durfte man es denn auch wagen, die Propaganda Lügen zu strafen, die von „internationalistischer Hilfe“ beim friedlichen Aufbau des „neuen Afghanistan“ sprach?

Vor diesem Hintergrund führt uns die Autorin den „schmutzigen Krieg“ in Afghanistan vor Augen. Sie gestattet sich ganz wenige Kommentare und läßt fast nur Beteiligte sprechen – Soldaten und Offiziere, Ärzte und Krankenschwestern, Kraftfahrer, Funker und Zivilbeschäftigte der Armee. Diese „Helden“ des Buches berichten von ihren Erlebnissen, Gedanken, Gefühlen und seelischen Erschütterungen. Dies geschieht sowohl in Erzählungen direkt aus dem Kampfgebiet als auch in Reflexionen nach der Rückkehr in die Heimat. Die Beiträge tragen durchweg den Charakter einer Beichte. Ihnen zur Seite gestellt sind Bekenntnisse von Ehefrauen und Müttern Gefallener, welche die Katastrophe ihres Lebens schildern und die Sinnlosigkeit des Krieges beklagen.

Ein neuerlicher Beitrag zur Reihe der großen Anklagebücher gegen den Krieg? Ja und nein. Nein deshalb, weil die „Zinkjungen“ darüber hinaus Zeugnis einer einmaligen welthistorischen Situation sind – des Zusammenbruchs der kommunistischen Gesellschaftsordnung. Die Ereignisse und Erlebnisse, die physischen und psychischen Leiden, häufig in fast poetischer Verdichtung geschildert, spiegeln die hoffnungslose Desorganisation der Planwirtschaft, die unzulängliche Versorgung der kämpfenden Truppe mit Ausrüstungsgegenständen. Vor allem aber dokumentieren sie den totalen Zusammenbruch des moralischen Wertgefüges dieser Gesellschaft. Das Subjektive und Individuelle einer jeden Episode fügt sich so zu einem Ensemble von Schicksalen, dessen unerbittlicher Richtspruch lautet: Gewogen und zu leicht befunden.

Nach ihrer Heimkehr in die Sowjetunion erwartete die Afghanistan-Kämpfer die zweite persönliche Katastrophe. „Schreiben Sie bloß nichts von der Kameradschaft unserer Leute in Afghanistan! Die gibt’s nicht. Im Krieg hat uns die Angst zusammengehalten. Wir sind alle betrogen worden, wir wollten alle leben und wollten alle nach Hause. Hier, zu Hause, hält uns zusammen, daß wir nichts haben“, sagt ein ehemaliger Soldat zur Autorin.

Immer wieder müssen sich die Heimkehrer von seelenlosen, nein, ganz normalen Bürokraten sagen lassen: „Was wollen Sie von mir, ich habe Sie nicht nach Afghanistan geschickt.“ Eine Parallele zu den amerikanischen Vietnamveteranen drängt sich auf. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied: Die amerikanische Gesellschaft bot Ideale und Integrationsmöglichkeiten, von den materiellen Bedingungen wie Prothesen für Amputierte oder Wohnungen ganz zu schweigen. Die postsowjetische Gesellschaft, vollständig absorbiert vom Überlebenskampf, kann den körperlich, seelisch und materiell schwer geschädigten „Zinkjungen“ fast nichts bieten, vor allem nicht die verlorengegangenen Hoffnungen.

Bruno Werner