Am Denkmal für die Demokratie in Bangkok kehren die Straßenfeger Papier und zerfetzte Transparente zusammen. Es sind Spuren der größten Massenproteste, die die Stadt seit fast zwanzig Jahren erlebt hat. Tausende und Abertausende riefen nach Demokratie. Ganz vorne stand der neue Hoffnungsträger Thailands, der charismatische Exbürgermeister Chamlong Srimuang. Nun haben sich beide Seiten eine Atempause verordnet: die Opposition, um den Widerstand auch in der Provinz zu organisieren, die herrschenden Militärs, um eine neue Strategie zu planen. Die Menschen in der Hauptstadt warten mit angehaltenem Atem auf den nächsten Schachzug der Generäle. Steht jetzt der nächste, der achtzehnte Putsch bevor?

Ein Coup d’Etat ist durchaus möglich. Denn was sich in der vergangenen Woche in Bangkok abspielte, hat das Militär zutiefst verunsichert. Trotz eines Versammlungsverbots war das Demonstrantenheer von Tag zu Tag größer geworden. Die Massen fordern den Rücktritt von General Suchinda Krapayoon, der eben erst sein Amt als Premierminister angetreten hatte. 150 000 Menschen hatten sich zuletzt versammelt, und die Studenten, jungen Professoren und Gewerkschafter, die seit eh und je für die Demokratie kämpfen, waren nicht mehr unter sich geblieben. Immer mehr Selbständige, höhere Angestellte und Hausfrauen hatten sich dem Protest angeschlossen. Sie gehören zu jenem Mittelstand, dem die Politik bisher eher gleichgültig war, was den selbsternannten Rettern der Nation ihr langes Kasernenhofregiment ermöglicht hatte.

Die Forderung, Premier Suchinda solle zurücktreten, weil er nicht gewählt sei, steht nur scheinbar im Vordergrund. Der General war als Armeechef der Drahtzieher des Militärputsches im vergangenen Jahr gewesen. Dieser Staatsstreich hatte unter dem stillen Beifall der Bevölkerung das korrpute Regime des gewählten Premiers Chatichai beendet. Das Militär setzte ein parteipolitisch unabhängiges Technokraten-Regiment ein. Es wurde als die beste Regierung gelobt, die Thailand jemals führte.

Die Hoffnung wuchs, daß die verhärteten politischen Strukturen endlich aufweichen würden. Doch sehr rasch stellte sich das Gegenteil heraus: Das Militär – die mächtigste Institution im Lande – war nach wie vor nicht bereit, den Politikern den Vortritt zu lassen. Vorigen Dezember wurde eine neue Verfassung verordnet, in der die führende Rolle der Armee festgeschrieben wurde. Die Wahlen im März dieses Jahres gewannen die militärfreundlichen Parteien. Sie kürten nach einigem Gerangel den Armeechef Suchinda zum Regierungschef – also jenen Mann, der noch vor kurzem versprochen hatte: "Die Armee wird sich nicht in die Politik einmischen."

Bald wurde klar, daß der neue Regierungschef sein Amt nicht wegen seiner Fähigkeiten, sondern wegen seines Ranges in der militärischen Hierarchie bekommen hatte. Als er dann noch ein paar jener korrupten Politiker ins Kabinett berief, deretwegen er die alte Regierung gestürzt hatte, offenbarte sich die ganze Zwielichtigkeit des Unternehmens. Die Mehrheit in Thailand, dem Land mit dem größten Wirtschaftswachstum unter den fünf asiatischen Tigern, akzeptiert aber nicht mehr, daß die demokratische Entwicklung weit hinter der ökonomischen herhinkt.

Doch die Demokratie hat sich bisher kaum entwickeln können. Das Mehrparteiensystem existiert nur auf dem Papier. Thailands Parteien haben weder eine Massenbasis, noch repräsentieren sie den Volkswillen. Sie sind vielmehr Interessensverbände von Geschäftsleuten, welche nur ein Ziel haben: sich schamlos zu bereichern. Dabei kommt es bisweilen zu Konflikten mit der Armee, dem größten Wirtschaftsunternehmen im Lande.

Die schnelle und erfolgreiche Modernisierung Thailands hat jedoch eine neue politisch interessierte Schicht geboren, der es nicht mehr allein ums Geld geht. Chamlong Srimuang, der den Mächtigen den Kampf angesagt hat, kann sich ihrer Unterstützung sicher sein. Er ist ein Mann, der weder über dicke Bankkonten noch über eine Hausmacht in der Armee verfügt; vielmehr wird er als unbestechlicher Saubermann von einer breiten Volksbewegung getragen. In Thailand weht ein frischer politischer Wind, der durch ein Arrangement im bewährten Thai-Stil wohl nicht mehr abzufangen ist. Gabriele Venzky