BREMEN. – Der Ton ist ruppig geworden zwischen den Umweltministerien Nordrhein-Westfalens und Bremens. Von "Verschleppung" und "Lüge" war zwischen den beiden Staatssekretären die Rede, als sie jüngst bei der Umweltamtschef-Konferenz aneinandergerieten. Und für Ende dieses Monats ist das Rededuell der beiden Minister bereits programmiert. Kieselrot heißt der Stoff, der beide Seiten so heftig entzweit.

Ein Jahr alt ist die Erkenntnis, daß die kieselroten Sport- und Spielflächen Dioxine und Furane in bis dahin unbekannten Konzentrationen enthalten. Der Schock über die Meßergebnisse einte die Politiker. Umgehend sperrten Länder und Kommunen die verseuchten Plätze, ließen Meßprogramme anlaufen und überschlugen schon mal die Sanierungs- und Entsorgungskosten. Bald aber trennten sich die Wege: Einige Länder planten, Kieselrot-Böden komplett auszutauschen, andere wollten die giftigen Flächen abdecken und wieder freigeben. Die nordrhein-westfälische Landesregierung dagegen signalisierte Entwarnung. Noch im Sommer empfahl sie den Kommunen, die Platzsperren wieder aufzuheben – ohne jede Sanierung. Umweltminister Klaus Matthiesen, SPD, berief sich auf die Ergebnisse einer Studie im sauerländischen Marsberg. Dort, wo in den fünfziger und sechziger Jahren Kupferschlacke zu Kieselrot verarbeitet worden war, wiesen Probanden zwar höhere Dioxinwerte im Blut auf als der Durchschnitt der Bevölkerung. Die Werte fielen allerdings geringer aus als befürchtet.

In einigen Städten und Gemeinden Nordrhein-Westfalens atmeten die Politiker auf. Endlich konnten sie dem Drängen der Sportvereine nachgeben, die zum Beginn der Spielsaison ihre Plätze wieder nutzen wollten. Andere Kommunen beugten sich dem Druck der Sportfunktionäre nicht und hielten die Kieselrot-Flächen weiterhin gesperrt – die Stadt Bielefeld zum Beispiel. Ihr Umweltdezernent, der Chemiker Uwe Lahl, kritisierte die Interpretation der Marsberg-Studie. Er bezweifelte, daß die Ergebnisse auf Sportler übertragbar seien, die sich verletzen und deren Blut direkt mit Dioxin in Kontakt kommen könnte. Außerdem sorgte er sich um Haftungsfolgen für die Stadt. Bis zum November hielt der Bielefelder Widerstand, dann gab die Stadt als letzte in Nordrhein-Westfalen ihre gesperrten Plätze frei.

Uwe Lahl machte Karriere. Er wurde Staatsrat beim Umweltsenator des Landes Bremen, dem Grünen Ralf Fücks, und fand hier in Sachen Kieselrot ein reiches Betätigungsfeld vor: 42 hochkontaminierte Sport- und Spielplätze. "Herr Lahl möge seine Maßstäbe, die er für die Stadt Bielefeld gesetzt hat, in Bremen nicht vergessen", hatte ihm Umweltminister Matthiesen noch hämisch mit auf den Weg gegeben. Und tatsächlich sollen an der Weser alle kieselroten Sport- und Bolzplätze bis Jahresende abgedeckt, langzeitgesichert und erst dann wieder freigegeben werden. Außerdem legte das Bremer Umweltressort ein weiteres Meßprogramm auf. Das Ergebnis verheißt zusätzliche Sanierungskosten: Kieselrot blieb nicht dort liegen, wo es aufgebracht worden war, sondern hat sich ausgebreitet. Noch mehrere hundert Meter außerhalb eines Sportplatzes kann man Spuren von Kieselrot feststellen. Verwehungen, aber auch Verschleppungen etwa durch Turnschuhe haben dazu geführt, daß zwanzig Meter jenseits des Platzes noch 37 Nanogramm Toxizitätsäquivalente je Kilogramm (ng TE/kg) gemessen wurden und sogar in 120 Meter Entfernung noch 25 ng TE/kg. In unmittelbarer Umgebung eines Bolzplatzes, also im Abstand zwischen zwei Metern und 25 Metern, wurden sogar 25 000 ng TE/kg ermittelt.

Was diese Meßwerte bedeuten, erschließt sich erst, wenn man sie mit allgemein gültigen Richtwerten vergleicht. Böden, die mehr Dioxin enthalten als 5 ng TE/kg, sollen nur eingeschränkt landwirtschaftlich genutzt werden. Sport- und Bolzplätze grenzen oft an Kleingartengebiete, in denen Stadtbewohner ihr Gemüse ziehen. Oder: Kinderspielplätze dürfen höchstens 100 ng TE/kg aufweisen, bei höheren Werten muß der Boden ausgetauscht werden. Neben Sportplätzen wurden oft Spielplätze oder Sandkästen angelegt. Weil diese nicht kieselrot-gedeckt wurden, sind sie vielleicht noch gar nicht gesperrt worden, obwohl hin- und herlaufende Jugendliche an ihren Turnschuhen längst Dioxin herübergetragen haben.

Diese und andere wahrscheinliche Zusammenhänge wollte Bremen von der Bund-Länder-Arbeitsgruppe "Dioxin" untersuchen lassen. Einen Auftrag dazu gab ihr die Konferenz der Umweltstaatssekretäre jedoch nicht. Nordrhein-Westfalen verweigerte in dem Gremium, das nur einstimmig entscheiden kann, seine Zustimmung. Das Thena solle, argumentierte Staatssekretär Hans-Jürgen Baedecker, nicht unnötig aufgewertet werden; de Öffentlichkeit sei wegen Kieselrot schon genug verunsichert.

Sein Bremer Kollege Lahl nennt das Verharmlosung und Abwiegelei und will Nordrhein-Westfalen diese Haltung nicht durchgehen lassen. Senator Fücks weiß Lahl hinter sich. Der Grüne will die Gelegenheit nutzen, Umweltpolitik von Sozialdemokraten vorzuführen und hat "Kieselrot" auf die Tagesordnung der nächsten Umweltministerkonferenz setzen lassen. Ende Mai wird David dem Goliath die Leviten lesen.

Gaby Schuylenburg