Von Jens Borchers

Wie viele Divisionen hat der König von Thailand? Er hat keine. Genau darauf zählen die Generäle in der konstitutionellen Monarchie und setzen König Bhumipol Adulyadej unter Druck. Während das Volk darauf wartet, daß der hochverehrte König die schwerste innenpolitische Krise des Landes seit neunzehn Jahren beendet, tun die Militärs alles, ihn daran zu hindern. Im brutalen Kampf um die Machterhaltung achten sie weder die Menschenrechte noch den Monarchen.

Drei Tage lang ließ Premierminister General Suchinda Kraprayoon in Absprache mit den führenden Militärs Hunderte unbewaffneter Demonstranten in den Straßen Bangkoks massakrieren. Erst dann folgte er der Anweisung des Königs und erschien zur Audienz im Palast. Suchinda mußte den Sprecher der Demokratiebewegung, Chamlong Srimuang, mitbringen, den er am ersten Tag des Blutbades hatte verhaften lassen.

Da rutschten nun die beiden Schlüsselfiguren in der dramatisch zugespitzten innenpolitischen Kraftprobe kniend auf den König zu, denn traditionell darf niemand höher sitzen als der Monarch. Beide senkten die Gesichter bis zum Boden und grüßten mit dem wai, den vor dem Gesicht gefalteten Händen. Der wai zeigt dem Gegenüber, daß der Grüßende keine Waffen in den Händen hat. Vielleicht fühlte sich der General hilflos ohne Pistole, wirkte sein aufgedunsenes Gesicht deshalb so verkrampft, während der devote Buddhist Chamlong gelassen im Lotossitz vor seinem König Platz nahm – die aufgewühlte Nation sah es auf den Fernsehschirmen.

„Dieses Land gehört uns allen, nicht euch beiden“, begann der König, der neunte Herrscher der im 18. Jahrhundert begründeten Chakri-Dynastie, mit versteinerter Miene. Er habe Suchinda bereits verschiedene Vorschläge zur Lösung der Krise unterbreitet, es habe nichts geholfen. Nachdem Menschen umgebracht worden seien, der Wirtschaft des Landes „unschätzbarer Schaden entstanden ist“, sagte der Monarch, müsse jetzt endlich ein Kompromiß her.

Der 64 Jahre alte König kam öffentlich seiner wichtigsten Pflicht nach: Frieden und Wohlstand seines Volkes, der 57 Millionen Thais, sicherzustellen. Bhumipol hatte endlich gesprochen, Gewalt und Demonstrationen gestoppt. Vorerst. Denn der vom Volk ersehnte Auftritt des Monarchen verfehlte bisher die erhoffte Wirkung.

Schon mehrfach hatte der König in seiner mittlerweile 46jährigen Regentschaft den thailändischen Militärs diskret die Tür gewiesen. Ministern und Parlamentariern, für die Politik nicht das Bohren dicker Bretter, sondern das Einstreichen dicker Bestechungsgelder ist, signalisierte der König häufig seinen Widerwillen.

Er zähmte sie, konnte aber die Kumpanei von Politik und Wirtschaft nie zerschlagen. In Thailand, das seit der Einführung der konstitutionellen Monarchie 1932 mehr Staatsstreiche als Wahlen erlebte, ist der König immer noch oberster Hüter der nationalen Harmonie. Politisch aber hat er keinerlei verbriefte Rechte, seine Position steht und fällt mit der Loyalität der Armee und der Bereitschaft der Politiker, dem Staatswohl zu dienen.

Es waren immer nur zurückhaltende königliche Gesten, die diversen Diktatoren signalisierten, daß die Grenze des Erträglichen überschritten war. Auch diesmal glaubten viele Thais, General Suchinda würde dem Wink des göttergleich verehrten Königs sogleich folgen.

Statt dessen kündigte Suchinda nur an, er werde demokratische Ergänzungen der Verfassung unterstützen, die er und seine Freunde nach dem Militär-Coup von 1991 diktiert hatten. Sprach’s und blieb zunächst im Amt.

Schon bei seinem Coup hatte Suchinda den Monarchen brüskiert. Der hatte den amtierenden Premierminister Chatichai zu einer Audienz zitiert. Chatichai wurde auf dem Weg zum König von Putschisten gestoppt, ein Affront ohnegleichen. Als Suchinda sich dann nach den freien Wahlen vor acht Wochen entgegen öffentlicher Versprechen doch zum Premierminister küren ließ, zögerte König Bhumipol sichtlich, seine Unterschrift unter die Ernennungsurkunde zu setzen. Er mußte schließlich doch unterschreiben, die Verfassung erlaubt dem Monarchen keinerlei Einfluß auf Personalentscheidungen der Regierung.

Die Militärs nutzen derzeit ein fatales Vakuum im politischen System Thailands: Die demokratischen Strukturen des Landes sind noch zu schwach, um der Macht- und Geldgier der Militärs Einhalt zu gebieten, doch die Instrumente des Königs zur Lösung der Krise scheinen trotz seiner moralischen Autorität bereits erschöpft.

Immerhin: Vier Tage nach der Intervention des Königs trat Suchinda schließlich doch noch zurück. Aber in einer Fernsehansprache sagte der meistgehaßte Mann Thailands, er habe eine Amnestie für alle an den blutigen Straßenschlachten Beteiligten verfügt. Unterschrift: General Suchinda. Gegenzeichnung: Seine Majestät der König. Der für den Schießbefehl verantwortliche Chef der Streitkräfte, General Käset Rojananil, sollte samt seiner Clique von Helfershelfern reingewaschen werden.

Fassungslos fragten sich viele Bewunderer des Königs, wie er seine Unterschrift unter dieses Dokument setzen konnte. Ihr geliebter Monarch, der wie keiner seiner Vorgänger den Dialog mit seinen Untertanen sucht, der sonst die Stimmung der Bevölkerung gut kennt, unterschrieb den Freispruch derjenigen, die für das Volk schlichte Mörder sind.

Die Thailänder versuchen den König zu verstehen, der schon so oft für Überraschungen gut war. Wo gab es je einen Monarchen, der als Saxophonist in Jam Sessions mit diversen Dixielandbands brillierte? Und das gekrönte Staatsoberhaupt studierte in den ersten vier Amtsjahren Politik- und Sozialwissenschaften, weil er sich mit der Rolle eines royalistisch aufgeputzten Polit-Amateurs nicht zufriedengeben wollte.

Als erster König Thailands brach Bhumipol 1955 zu einem Besuch in den völlig verarmten Nordosten auf. Seitdem hat er alle 72 Distrikte des Landes bereist, die Probleme der Menschen erforscht und Anstöße für deren Lösung gegeben. „Niemand nimmt die Arbeit richtig ernst“, klagte er einmal über die Raffgier seiner Untertanen. „Alle wollen nur mehr. Man darf ihnen nur das Minimum geben. Nur das Minimum.“

Der Monarch hat mit seiner Standpauke an Suchinda, den machtversessenen General, und Chamlong Srimuang, den kompromißlosen Demokraten, dieses Minimum gegeben. Den Kompromiß müssen sie selbst finden.

Bhumipol hat offen erklärt, daß er seine Rolle als fast ausschließlich repräsentatives Staatsoberhaupt ernst nimmt. Dafür verlangt er aber auch von den Inhabern der politischen Macht mehr als Lippenbekenntnisse zur Demokratie.

„Traditionalisten“, sagte der König einmal, „sehen ein Königreich wie eine Pyramide mit dem Monarchen an der Spitze und dem Volk darunter. In Thailand steht diese Pyramide auf dem Kopf. Deshalb verspüre ich manchmal einen Schmerz auf der Schulter.“