Der Russische Bär (Ursus arctos) ist das größte Landraubtier der Erde. Kannibalismus kommt unter dieser Spezies viel häufiger vor als bei jeder anderen Tierart. Höchst feindselig veranlagt und mit der angeborenen Fähigkeit ausgestattet, diese Tatsache zu verbergen, nutzt der Bär seine Bösartigkeit als Waffe ..."

So beginnt eines der erstaunlichsten Bücher zum Ende der Sowjetunion. Es ist der Bericht des amerikanischen Journalisten A. Craig Copetas über die Kooperative "Fakt", ihren Gründer Wolodja Jakowlew und deren bizarre Geschichte unter dem Titel "Bear Hunting with the Politbüro" (Bärenjagd mit dem Politbüro). Der Bär Ursus arctos steht für das Böse in diesem Buch – den alten Sowjetkommunismus, wie er die Seelen der Menschen vergiftete und wie seine Erblast den Neuanfang so unglaublich schwermacht.

Copetas Helden sind die Unternehmer der Sowjetunion, die unter dem irreführenden Begriff "Kooperatoren" 1987 in der Wüste der Planwirtschaft begannen, auf eigene Rechnung Restaurants zu eröffnen, Handel zu treiben und Dienstleistungen anzubieten. Die Graswurzel-Kapitalisten im absterbenden Sowjet-Sozialismus – eine wilde Mischung aus Dissidenten, Handwerkern, Mafiosi und KGB-Yuppies – sind für Copetas die Schlüsselgruppe der Gorbatschow-Ära. Während die Perestrojka zunächst als bloßer Modernisierungsversuch der herrschende Nomenklatura begonnen hatte, schufen sich die Kooperativen Freiräume in der Wirtschaft, die bisher das alte Bündnis von Bürokraten und Schwarzmarkthändlern besetzt hatte. Dabei waren die Kooperatoren, wie nicht anders zu erwarten, selbst auf oft hanebüchene Weise mit den Krankheiten des alten Systems behaftet, mit Zynismus, Korruption und Verantwortungsscheu.

Copetas’ Bericht unterscheidet sich von anderen Büchern über die Endzeit der Sowjetunion dadurch, daß der Autor das Problem sowohl von außen als auch von innen kennt. Er kam 1988 als Korrespondent für das amerikanische Magazin Regardie’s nach Moskau mit dem Auftrag, die Anfänge der Marktwirtschaft dort zu erkunden. Er lernte Wolodja Jakowlew und die Kooperative "Fakt" kennen und wurde bald selbst deren Mitglied. "Fakt" ist eine Agentur für Informationen aller Art. Ihr bekanntestes Projekt ist die Gründung des Kommersant, einer zeitweise auch im Westen angesehenen Zeitung, der ersten privaten in Rußland seit der Oktoberrevolution. Copetas sollte mithelfen, eine amerikanische Ausgabe des Kommersant vorzubereiten. Rund um dieses – letztlich vergebliche – Unterfangen ist Copetas Buch gestrickt. Sein Bericht endet zwar auf den ersten Blick positiv mit dem gescheiterten Putsch gegen Gorbatschow im vergangenen Jahr. Aber in seiner Zeit als Kooperator sammelte Copetas so viele Enttäuschungen und Frustrationen, daß er zu dem tief pessimistischen Schluß kommt, ein sowjetischer (und wohl auch ein russischer) Kapitalismus sei ein Ding der Unmöglichkeit. pp