Von Volker Hage

Kein anderes Buch eines deutschen Autors ist im ersten Halbjahr 1992 so einhellig von der Kritik gelobt und bejubelt worden wie dieses. Wer die bislang veröffentlichten Rezensionen zu Hans Joachim Schädlichs Roman „Schott“ durchblättert, muß unweigerlich zum Schluß kommen, daß es sich dabei um ein singuläres literarisches Meisterwerk handelt.

Stutzig macht allerdings, in welch schwindelerregender Höhe die Vergleichsebene gesetzt wird. Wolfram Schütte (in der Frankfurter Rundschau) hält „Schott“ für ein deutsches Pendant zu Camus’ „Fremdem“, Jürgen Serke (in der Welt) glaubt dem Buch – und dem Autor – damit Gutes zu erweisen, daß er es mit Musils „Mann ohne Eigenschaften“, Jahnns „Perrudja“ und sogar Kafkas „Schloß“ in eine Reihe stellt. Ähnliche Zustimmung, ohne daß man freilich dermaßen blind zu den Sternen greift, in der Süddeutschen Zeitung und andernorts. Ein „Feuerwerk an romantechnischen Finessen und stilistischen Variationen“ wird uns etwa in der FAZ in Aussicht gestellt.

Hans Joachim Schädlich lebt seit bald fünfzehn Jahren in der Bundesrepublik. Der 1935 in Reichenbach (Vogtland) geborene Schriftsteller, bis 1976 als Linguist an der Ostberliner Akademie für Wissenschaften tätig, kam im Dezember 1977 aus der DDR in den Westen – kurz nachdem hier (und nur hier) sein Prosadebüt „Versuchte Nähe“ publiziert und mit viel Enthusiasmus begrüßt worden war. Zu Recht so begrüßt worden war: Der Band zeigte den Autor als sprachmächtigen Meister der kleinen Form, der Skizze, der Zwischentöne, seine hochliterarischen Kunststücke zielten auf den Alltag und die Rituale der DDR: Machtals Sprachkritik.

Dann kam lange nichts mehr. Hier und da veröffentlichte Schädlich kleine Prosastücke, darunter eine 1982 verfaßte Skizze („Irgend etwas irgendwie“), deren Anfang recht unverblümt davon spricht, was den Autor hemmte: „Es steht ihm frei, heißt es, beliebige Worte zu benutzen. Niemand fragt danach. Gänzlich frei von den Gesetzen der gebundenen Rede. Oder der Zensur. Oder des Marktes. Nur die Regeln der Syntax beachten.“ Der Fluch der Freiheit: Man kann sich überall hinbewegen, aber es schert sich keiner mehr darum.

Erst neun Jahre nach dem Band „Versuchte Nähe“ wieder ein größeres Prosabuch: „Tallhover“, die Geschichte eines die Zeiten überdauernden, gewissermaßen ewigen deutschen Polizeispitzels und Geheimdienstbeamten. Die Figur geriet Schädlich ein wenig papieren, die Sprache der Archive und Dossiers dafür um so eindrucksvoller. Einige stilistische Manieriertheiten nahm man dabei in Kauf: Das historische und politische Sujet entwickelte ausreichend Eigendynamik.

Die im Jahr darauf, 1987, folgende Sammlung der verstreuten Prosa ließ dann allerdings auch die Anhänger des Autors ratlos: Zu uneinheitlich waren diese Texte, zu schwankend in ihrer Qualität. In der Titelgeschichte „Ostwestberlin“, 1987 verfaßt, taucht jedenfalls erstmals eine Figur unter dem Namen Schott auf – mit einer Charakterisierung, die als Fingerzeig zu verstehen ist: „Herr Schott welcher lediglich aus zwei Personen besteht...“