Von Robert Leicht

Der Tod ist, mitunter, ein großer Versöhner und Vereinfacher. Die Nachrufe auf den früheren Bundespräsidenten Karl Carstens, der am 30. Mai im Alter von 78 Jahren gestorben ist, klingen alle ehrenvoll. Aber vielleicht hätte man dem Verstorbenen noch mehr Ehre angetan, wenn man dabei ehrlicher gewesen wäre.

In Wahrheit haben wir es mit diesem Bundespräsidenten schwer gehabt – und leicht zugleich. Schwer wegen seiner politischen Vergangenheit, der jüngeren wie der früheren – leicht wegen seiner politischen Gegenwart. Und wenn man glauben durfte, ihn ein wenig näher zu kennen, wurde deutlich: Die Schwierigkeiten lagen weniger in der Person als in der Konstellation, in die Karl Carstens jeweils mehr gestellt wurde, als daß er sich hineingedrängt hätte.

Als Carstens 1979 für das Amt des Bundespräsidenten kandidierte, war er Präsident des Bundestages und wurde von der Union als Nothelfer betrachtet. Damals sagte er über seine politischen Ambitionen: "Für alle Ämter, die ich bekleidet habe, gilt eigentlich dasselbe: daß ich mich nie danach selbst gedrängt habe. Ich bin in den Bundestag überhaupt nur hineingekommen, weil Herr von Hassel mich so gewaltig bekniet hat, daß ich das tun sollte, 1972. Die Idee, den Fraktionsvorsitz anzustreben, ist mir selbst nie gekommen und wäre ja auch im Grunde total absurd gewesen. Ich war genau sechs Monate Mitglied des Parlaments, als ich zum Fraktionsvorsitzenden gewählt worden bin. Auch dieses Amt des Präsidenten des Bundestages habe ich nicht von mir aus angestrebt."

In der Tat spielte sich die eher überraschende Karriere des Politikers Karl Carstens im einstweiligen Ruhestand des Beamten Karl Carstens ab. Wäre es 1969 nicht zur Regierung Brandt/Scheel gekommen, Carstens hätte nach aller Voraussicht sein Berufsleben eines Tages als erfahrenster Spitzenbeamter dieser Republik vollendet. Er war Staatssekretär in den drei wichtigsten Kabinettsämtern: erst im Auswärtigen Amt, dann im Verteidigungsministerium und schließlich unter Kurt Georg Kiesinger im Kanzleramt. So wurde er zum Staatssekretär der Staatssekretäre.

Doch es kam eben doch zur sozial-liberalen Koalition. Carstens wurde als politischer Beamter auf die Weide geschickt. In der Wahl von 1972 bestätigten die Wähler die Regierung – eine Reaktivierung als Beamter rückte außer Reichweite, Carstens zog als Abgeordneter in den Bundestag ein. Bald darauf warf Rainer Barzel, der weder Willy Brandt hatte stürzen noch Helmut Kohl als Parteichef hatte verhindern können, auch als Fraktionsvorsitzender das Handtuch. Mit einem Mal mußte die völlig überraschte Unionsfraktion einen Chef küren – und sie griff auf den in diesem Gewerbe absolut unerfahrenen Carstens zurück.

Auch der nächste Schritt auf der Laufbahn hatte wenig mit Carstens’ Ehrgeiz zu tun. In der Wahl von 1976 scheiterte Helmut Kohl zwar mit seinem ersten Anlauf auf das Kanzleramt, zugleich aber verlor die SPD-Fraktion ihre Stellung als stärkste Fraktion – und damit das Privileg, den Bundestagspräsidenten zu stellen. Und wieder war die Konstellation da: Der Fraktionsvorsitz der Union mußte für Helmut Kohl freigemacht werden, Annemarie Renger den Stuhl des Parlamentspräsidenten räumen. Was lag näher, als Carstens das eine Amt zu geben, damit ihm das andere genommen werden konnte?