Hat Sie das Attentat auf Richter Falcone an die Situation erinnert, in der Ihr Vater ermordet wurde?

Wie mein Vater hatte Falcone Mühe, wirkliche Machtbefugnisse zu erhalten, wegen der Spannungen mit seinen Kollegen, vor allem aber wegen des Mißtrauens der Politiker. Falcone war in Mafia-Fragen der kompetenteste Richter Italiens; dennoch wurden ihm wichtige Ämter verweigert. Er war nicht gern gesehen, weil er, wie mein Vater, nicht völlig von einer Partei abhängig und deshalb schwer zu kontrollieren war. Ich wußte, daß Falcone nie mit Macht ausgestattet werden würde; denn die Macht hatten schon andere Richter, jene nämlich, die die Prozesse versanden ließen. Deshalb ist Falcone direkt nach Rom gegangen, um dort für seine Sache zu streiten.

In den achtziger Jahren wurden in Palermo aufsehenerregende Prozesse geführt, die Hunderte von Angeklagten hinter Gitter brachten. Dann wurde dieses Kapitel des Kampfes gegen die Mafia geschlossen.

1985/86 wurde der Anti-Mafia-Pool – eine Gruppe von Richtern auch von höchstem intellektuellen Niveau – von vielen Seiten angegriffen. Von der halben christdemokratischen Partei, der gesamten Sozialistischen Partei, der sizilianischen Presse, die mit der Mafia kungelte, und dann noch von der extremen Linken, die klagte, daß die Rechte der Angeklagten nicht hinreichend respektiert worden wären. Die ganze Kampagne dauerte bis 1988 und endete damit, daß Falcone einfach nicht mehr konnte und begann, Unterstützung bei den Regierungsparteien zu suchen.

Wie hat Rom auf den Mord reagiert? Die Parlamentsdebatte zwei Tage nach Falcones Tod war niederträchtig. Jede Fraktion verließ den Saal, sobald sie ihren Auftritt hinter sich hatte. Jeder sprach von sich selbst oder sagte nichts. Als die letzten Abgeordneten sprachen, waren von 630 Parlamentariern nur noch 148 anwesend. Die anderen waren draußen, weil eine Stunde später der neue Präsident der Republik gewählt werden sollte. Da habe ich gesehen, wie weit weg Palermo war, wo sich Hunderttausende von verzweifelten Menschen zu einem Trauerzug versammelt hatten. Beim Begräbnis von Falcone mußten die Politiker durch eine Seitentür die Kirche betreten und wieder verlassen, weil das Volk sie gelyncht hätte. Die Menge auf dem Platz schrie ihnen zu: „Mörder!“ Ich bin mit Leoluca Orlando (dem ehemaligen Bürgermeister von Palermo, Anm. d. Red.) draußen bei der Menge auf dem Platz geblieben, weil sie uns gebeten hatte, nicht mit den Politikern gemeinsam in die Kirche zu gehen.

Im Ausland entsteht das Bild von einem Italien ohne politische Führung, von einem Italien als „Land der Mafia“.

In Italien herrscht ein Regime der Korruption, die Mafia ist nur die blutige Komponente innerhalb dieses Gesamtsystems. Die Ermittlungen gegen korrupte Politiker und Behördenleiter in Mailand erklären leider, was in Palermo vor sich geht. Ein völlig korruptes politisches System ermöglicht der Mafia Infiltration und Erpressung. Die Cosa Nostra hat ihr Epizentrum in Palermo; in Mailand ist die Mafia auf einem verrotteten politischen System gewachsen. So etwas hat es in der Geschichte unserer Republik noch nie gegeben: den Versuch seitens einiger Exponenten der Sozialistischen Partei, die Schmiergelder zu legalisieren, indem sie diese als legitime Vermittlungsgebühr ausgab.