Von Christoph Bertram

Schock am Dienstagabend: 50,7 Prozent der Dänen haben sich in einer Volksabstimmung gegen die Verträge von Maastricht ausgesprochen. Mancher Bürokrat wird nun zu argumentieren versuchen, die Maastrichter Verträge über die Währungsunion und die Politische Union Europas seien durch das dänische Nein vom Dienstag hinfällig geworden. Den Politikern wird es jedoch obliegen, dafür zu sorgen, daß nicht sein kann, was nicht sein darf.

Denn was für ein absurdes Ergebnis wäre das: Nachdem die demokratisch bestellte dänische Regierung die Verträge unterzeichnet und das demokratisch gewählte dänische Parlament sie mit großer Mehrheit gebilligt hat, sollen ein paar zehntausend Stimmen in einem Referendum ausreichen, um nicht nur Dänemarks Mitwirkung in der nächsten Etappe der europäischen Integration zu unterbinden, sondern den Weg voran auch für alle anderen elf EG-Staaten zu blockieren?

Die Elf haben jetzt keine andere Wahl, als weiterzumachen und – Großbritannien hat es schon hinter sich – die Maastrichter Verträge zu ratifizieren, wie sie sind. Dänemark darf den Zug nicht stoppen. Denn Maastricht stellt, bei allen Schönheitsfehlern, die entscheidende Weiche für die künftige Ordnung des gesamten europäischen Kontinents. Damit soll die bisherige Gemeinschaft enger geknüpft werden, nach innen kohärenter und nach außen handlungsfähiger werden. Wollte man ein Maastricht II erst nach der Aufnahme der schon seit geraumer Zeit an die Brüsseler Türen pochenden Efta-Staaten – wie Österreich, Schweden, Finnland und nun auch die Schweiz – aushandeln, würde alles noch viel schwieriger. Und die allmähliche Einbeziehung der neuen Demokratien Ost- und Mitteleuropas in die für ihr Überleben entscheidende europäische Integration würde weiter hinausgeschoben.

Auch alle Versuche, der Gemeinschaft mehr Durchsetzungskraft beim Schutz der Umwelt wie bei der Wahrung der Menschenrechte zu geben, müßten in den Rauchfang geschrieben werden. Die überfällige Neuordnung des Verhältnisses zwischen Europa und den Vereinigten Staaten würde weiter auf die lange Bank geschoben. Es wäre ein schwerer Rückschlag für Europa und die Welt.

Es wäre ein schwerer Rückschlag zumal für die kleinen EG-Mitgliedsstaaten. Die fortschreitende Integration hat ihnen stets mehr Mitspracherechte eröffnet. Ohne gemeinschaftliche Entscheidungsprozesse bliebe ihnen nichts anderes übrig, als zu ertragen, was die Großen ihnen vorgeben. Daß ausgerechnet das kleine Volk der Dänen glaubt, durch Integrationsverweigerung mehr nationale Eigenständigkeit zu bewahren, zeigt allenfalls, wie wenig manche von ihnen begriffen haben, wodurch denn in den letzten Jahren ihre Selbständigkeit gegenüber den großen europäischen Mächten geschützt worden ist.

Ein Fehlschlag Maastrichts wäre schließlich ein Rückschlag für Deutschland. Ohne die selbstverständliche Einbeziehung in ein immer engeres Regelwerk europäischen Zusammenwirkens werden die Deutschen es zwar nicht schwer haben, ihre Produkte allerorten zu verkaufen. Aber es wird ihnen viel schwerer fallen, in einem angesichts der deutschen Geschichte mißtrauisch gewordenen Europa Vertrauen zu erwerben. "Glauben Sie, die deutsche Vereinigung wäre so glatt über die Bühne gegangen, wenn es die Gemeinschaft nicht gegeben hätte?" fragte Jacques Delors, der Präsident der Europäischen Kommission, in einem Gespräch mit der ZEIT (siehe Seiten 4 und 5). Und er fügte hinzu: Wenn Deutschland in Europa allein gelassen würde, "dann käme es wieder zu dem alten Spiel der Nationalstaaten, die sich an einem Tag mit diesem und am nächsten Tag mit jenem verbinden".