Von Carl D. Goerdeler

Es gibt keine schönere Stadt auf Erden, und es gibt kaum eine unergründlichere, unübersichtlichere. Man wird nicht fertig mit ihr“, rühmte Stefan Zweig das tropische Rio de Janeiro vor fünfzig Jahren: „Hier zeigt sich das Meer in all seinen Farben, grün anschäumend am Strand von Copacabana ...“

Rio und seine Strände. Alles drängt sich an den Busen der Copacabana. Auf einem winzigen Bruchteil der mehr als 7000 Kilometer langen brasilianischen Atlantikküste ballen sich Millionen und Massen, schaffen eine Atmosphäre, die entfernt an eine Mischung aus Woodstock und Robbenkolonie erinnert. Wir wollen einmal nicht zum Strand und die Copacabana eine Zeitlang den Touristen, Tauben und Dieben überlassen.

Rio de Janeiro kann sehr still sein. Zum Beispiel in Urea, dort, wo die Drahtseilbahn zum Zuckerhut abhebt. Seit sie das Casino geschlossen haben, wo einst Josephine Baker tanzte und Carmen Miranda sang, sind die Uhren von Urea stehengeblieben. Pensionierte Obristen – „Pyjama-Generäle“ –, mittlere Chargen aus den telenovelas, Zollinspektoren und Amtmänner, Apotheker und Schneidermeister wohnen in diesem Dorf, zusammen mit ihren Schwiegermüttern, Frauen, Kindern und Katzen.

Selbst in finsterer Nacht kann man in Urea unbesorgt spazierengehen – etwa entlang der Avenida Portugal, das glitzernde Rio jenseits der Bucht zur Linken, die Art-déco-Villen zur Rechten. Unterhalb der Uferbalustrade hocken Reiher oder Muschelsucher, und vor dem Tor der alten Festung fischen die Angler. An guten Tagen holen sie da armlange Schwertfische aus dem Wasser, an schlechten verrostete Bierdosen.

Mittags ziehen die Dienstmädchen mit den Kindern der Madame an den Strand, freitags wummert in der Nacht das Tamtam der Macumba-Jünger. Man trifft sich auf dem Sonntagsmarkt oder am Hafenbecken, hockt auf Mäuerchen, läßt sich aus der „Garota da Urea“ ein Bier herüberbringen und schaut versonnen den silbernen Brummern nach, die in elegantem Bogen über Flamengo hereinkommen, vor dem Zuckerhut abbiegen und dann über dem Wasser zur Landung ansetzen.

Eigentlich gibt es zwei Ureas, eins in Luv und eins in Lee. Ein Kleinbürgeridyll mit Blick über die Bucht und die „Praia Vermelha“ mit dem Marinekommando, der alten Universität, der Blindenanstalt und dem Yachtclub auf der Seite des Zuckerhutes. Den Granit-Phallus und Talisman von Rio kann man auch im Schweiße seines Angesichts aus eigener Kraft besteigen. Der Kletterpfad für Sportsfreunde mit Schwindelfreiheit und mit Seil beginnt bei Null auf Meereshöhe. Unten donnert die Brandung gegen die Klippen, und oben lachen die Dohlen. Das lärmende Rio liegt hinter den Bergen, fünf Taximinuten weit entfernt. Die Palmenwedel knistern im aufkommenden Wind, das Meer atmet tief durch, dann trommelt der Regen auf das Wellblech wie die Rhythmusgruppe einer Sambaschule. Kurz darauf strahlt die Sonne wieder, und dem Zuckerhut rinnen glänzend die Schweißbäche von der Glatze.