Von Christoph Dieckmann

Er ist kein Rockstar, er ißt Suppe. Nie hat er Hoteltüren eingetreten, nie in den Fahrstuhl gepinkelt oder "stoned" von der Bühne gegrölt. Ihm hockt kein Affe im Genick. Die anarchischen Geräusche der Gegenkultur erzeugten andere, und was die Rock-Welt an Ruhm und Desastern zu vergeben hatte, ging an Bruce Cockburn vorüber. Überaus normal sitzt er am Kantinentisch seines Berliner Auftrittsortes "Quartier" und rührt in seiner Nudelsuppe: ein großer grauer Mann in Jeans und Leinenjacke. Nicht mal der grüne Stein im Ohr birgt einen mythischen Spleen. "Den Topas hab’ ich aus Nepal mitgebracht", sagt Cockburn. "Tragen dort viele Männer. Sieht auf dunkler Haut auch besser aus als bei einem Weißen."

Bruce Cockburn, 1945 als Sohn eines kanadischen Arztes geboren, lebte, bis er achtzehn war, in Ottawa. "Liberal und agnostisch" sei sein Elternhaus gewesen, sagt er. 1963 zog er aus, trampte ein paar Monate durch Westeuropa und verbrachte die folgenden anderthalb Jahre an der Berklee School of Music in Boston. Als die Hippie-Welle über Nordamerika schwappte, war Cockburn schon ein bißchen alt. Er sieht sich als späten Beatnik. Die Hippies hätten wunderbare Ideale gehabt, "doch als Bewegung waren sie bestenfalls naiv, schlimmstenfalls dumm. Ich mochte den Vietnamkrieg genausowenig, aber deshalb dachte ich doch nicht, eine Pop-Bewegung hätte darauf irgendwelchen Einfluß."

Die Dummheit hält Cockburn frisch heraus für eine wichtige Triebkraft der Rock-Kultur: "Vielleicht ist das unfair. Aber die meisten Rocker sind ganz normale Leute und scheren sich weder um die Zerstörung des Regenwaldes noch um die Regimes in Mittelamerika, sondern nur um ihre persönlichen Sentiments. Davon handelt die Musik, und deshalb läßt sie sich so leicht von den Medien kontrollieren." Massenkultur – ein riesiges Komplott zur Wahrung des Status quo?

Bruce Cockburn, der Mann für Rock-Fans mit Brille und Vision, hat seit 1969 neunzehn Langspielplatten veröffentlicht, deren Stärke manchmal ihre Schwäche war: "unzeitgemäße" Ehrlichkeit, eine Bekennerwut, der in der Populärmusik seit zwanzig Jahren die Amüsanz abgesprochen wird. Cockburn durchschweifte und bedichtete die Welt als guter Geist – ein anderer Johnny Cash, der ja so lange Schwarz tragen will, bis alles Unrecht von dieser Erde verschwunden ist. Verwandte Helden aus den großen alten Tagen – Neil Young, Randy Newman, Bob Dylan, auch Bruce Springsteen – entflohen sich selbst von Zeit zu Zeit, in Experimente, in Suff, in Zynismus, zur Fahne des Vaterlands oder ins große Schweigen. Cockburn blieb der eigenen Lauterkeit ausgeliefert. Seine Dichtung quoll vor Liebe und Not: Flüchtlingselend, Radium-Regen, Indianer ... Musikalisch adaptierte er, was ihm behagte an Gitarren-Rock, Folk, Reggae, doch am Anfang war immer das Wort.

Damit beglaubigt sei, daß er nicht anders könnte, bekam Bruce Cockburn vom kategorienbeflissenen Busineß das Etikett des wiedergeborenen Christen verpaßt. Cockburn verwendet viel Energie, um zu erklären, was er nicht ist: ein Evangelikaler. "Ich habe viel gelesen. Mein Weg ging übers Denken, über Existentialismus und Buddhismus. Ich erfuhr etwas, das ich als Gegenwart Christi empfand, aber darüber kann ich schlecht sprechen. Jedenfalls bin ich nicht stockblind hingestürzt auf der Straße nach Damaskus."

Folgt ein Exkurs über den amerikanischen TV-Evangelismus und sein segensreiches Wirken auf Politiker und Wählervolk. "Alles Gold und zeitliche Macht!" sagt Cockburn und grient schmerzlich: Er sei leider nicht der Jerry-Falwell-Typ – "vielleicht eher ein Jimmy Swaggart". Swaggart erwarb sich unter Amerikas Fern-Erlösern den höchsten Unterhaltungswert, weil er live auf Sendung heulen konnte wie ein Schloßhund. "Die Kanadier lieben diese christliche Rahmung des Lebens genauso wie die Amerikaner. Möglicherweise sind wir ein bißchen skeptischer und belasten unsere Politiker mit weniger religiöser Autorität."