Von Christian Wernicke

Schon bevor das Schauspiel begann, gähnte das Publikum. Kaum jemand hofft noch darauf, daß die Akteure des zwölftägigen "Erdgipfels" in Rio de Janeiro sich der Tragödie gewachsen zeigen: Unsere Zivilisation zerstört ihre eigenen Grundlagen. Jede Sekunde werden sechs Quadratkilometer Regenwald gerodet – doch der Süden pocht auf sein Recht, sich nach dem morbiden Vorbild des Nordens zu "entwickeln". Tagtäglich befeuern die Abgase aus Kraftwerken und Autos den Klima-Kollaps – doch die Industrieländer verweigern die ökologische Umkehr. Ist Rio also nur eine Farce über die Politik der verbrannten Erde?

Längst steht fest, daß der Konferenz von Rio kein durchschlagender Erfolg beschieden sein wird. Die 160 Staats- und Regierungschefs beschließen das politisch derzeit Mögliche, nicht das Nötige. Das Mögliche ist beschämend dürftig. Der Norden verstellt den Ausweg aus dem Treibhaus Erde; unter Führung von Malaysia und Indien blockiert der Süden sogar den Beginn von Verhandlungen über eine weltweite Konvention zum Schutze der Wälder.

Und dennoch: Rio ist auf seine Weise bereits ein Erfolg – dank des Lernprozesses, den die Konferenz schon in der Vorbereitungsphase in den Köpfen von Regierungen und Regierten angestoßen hat. Dieser UNCED-Gipfel muß also nicht als reine Alibi-Inszenierung gelten – vorausgesetzt, er endet nicht in Ohnmacht und Resignation.

Jedes Jahr sterben etwa eintausend Tier- und Pflanzenarten aus. Die Weltbevölkerung wächst jeden Tag um mehr als 200 000 Menschen; die meisten von ihnen bleiben bettelarm. Seriöse Wissenschaftler befürchten für das nächste Jahrhundert einen Anstieg der Temperatur und des Meeresspiegels.

Vier Fünftel allen Wohlstands wie aller Umweltbelastungen werden von den modernen Industriegesellschaften produziert. So steht nicht nur die Umwelt auf dem Spiel. Vielmehr müssen Demokratie und Marktwirtschaft – die zwei Supermächte der Moderne – beweisen, daß sie das trudelnde Raumschiff Erde von seinem Katastrophenkurs abbringen können. Sonst riskieren sie über kurz oder lang, daß die kärglichen Reste der Natur einer Zwangswirtschaft unterstellt werden, daß die Menschheit blutigen Verteilungskämpfen und einer Ökodiktatur unterworfen wird.

An Einsicht und Willen fehlt es derzeit noch. Das politische Schicksal eines Präsidenten wird national entschieden, über den Selbstmord des blauen Planeten hingegen international. Diese Kluft zwischen Verantwortung und Verantwortungslosigkeit gilt es zu überbrücken. Die Rio-Konferenz muß den Grundstein für ein ökologisches Sicherheitssystem suchen. Eine UN-Kommission für Entwicklung könnte Umweltfrevel und Armutselend in Nord und Süd anschaulich machen, ein Ökosicherheitsrat müßte Umweltverbrechen ähnlich ahnden können wie Völkerrechtsbrüche.