Noten lesen kann er. Aber ein Typ, der stundenlang in Partituren schmökert, ist er nicht. In den kommenden Wochen erwartet ihn vor allem Live-Musik: Joachim Thomas, 38, ist Geschäftsführer des Schleswig-Holstein Musik Festivals. Das bedeutet oft mehrere Veranstaltungen an einem Abend, wenn im nördlichsten Bundesland wieder die Konzertsaison beginnt.

Thomas hat einen Beruf, den es noch nicht lange gibt: Kulturmanager. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit ist die Betreuung von finanzkräftigen Sponsoren – Unternehmen, die ihr Image durch die Förderung von Kultur aufbessern wollen. Beim Konzertmarathon zwischen Nord- und Ostsee kamen sie von Beginn an kräftig zum Zuge. Mit jeweils einer Million Mark engagieren sich allein die drei größten Sponsoren – der Keksfabrikant Bahlsen, der Konfitürehersteller Zentis und die Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft. Zusammen bestreiten sie immerhin ein Fünftel des Gesamtetats.

Die Profis aus der Werbebranche applaudierten frühzeitig: Kaum war das Festival gegründet, erhielt es 1987 schon den Deutschen Marketing-Preis. Den nahmen zuvor nur Unternehmen wie Nixdorf oder Ikea entgegen. Doch die Verleiher befanden, bei den Nordlichtern werde „nahezu lehrbuchgetreues Marketing“ betrieben. Weniger wohlwollend reagierten viele Kulturkritiker. Einige entwarfen wahre Horrorszenarien eines wachsenden Einflusses der Wirtschaft auf Kunst und Kultur – vom Sarotti-Mohr in Othello-Inszenierungen, dem Daimler-Stern im Krippenspiel oder von Auftritten Placido Domingos im adidas-T-Shirt.

Wie legt einer wie Thomas Grenzen des Sponsoren-Einflusses fest? Was wäre, wenn große Chemieunternehmen ihren Ruf durch das Festival mit dem Öko-Image polieren wollten? Thomas hätte nichts dagegen. Skeptisch ist er eher bei Monopolversorgern, die Zwangsabgaben erheben. Dazu gehören beispielsweise Stromkonzerne. „Wenn die zu viel Geld haben, sollten sie Tarife senken.“

Trotz aller Kritik an der Verknüpfung von Kunst und Kommerz: Thomas reizt gerade der Spagat zwischen Wirtschaft und Kunst. Dabei spielt auch sein persönlicher Lebensweg eine Rolle. Der Festivalmanager wuchs als Kind eines freischaffenden Künstlers auf, wurde aber gerade deswegen von seinen Eltern zu einem einträglicheren Beruf gedrängt. So studierte er Jura und arbeitete anschließend in einer Anwaltskanzlei – um dann Assistent des Direktors der Kölner Philharmonie zu werden. Erst 1991 wechselte er nach Schleswig-Holstein.

Hier versteht er sich nun als Vermittler zwischen Bereichen, die, so Thomas, häufig durch Vorbehalte und Vorurteile getrennt werden. Das dürfte auch für die Ende des Monats beginnende Festivalsaison gelten. Denn zum Konzept gehört es nun mal, daß Bahlsen in einer Pressemitteilung verkünden darf, die hauseigenen Produkte – „insbesondere das klassische Sortiment mit dem blauen Markenzeichen“ – bescherten das gleiche „Gefühl von Genuß und Lebensfreude“ wie das norddeutsche Festival. nia