Von Karen Söhler

Wenn israelische Ökonomen auf ihre Wirtschaft angesprochen werden, erklären sie zunächst, warum die Lage eigentlich nicht so schlecht sei. Das Land verfüge über hervorragend ausgebildete Arbeitskräfte und eine Reihe moderner Technologie-Unternehmen. Die Konjunkturdaten aus dem vergangenen Jahr stützen die positive Sicht: Das Bruttoinlandsprodukt wuchs real immerhin um knapp sechs Prozent. Die Preise stiegen nur um vergleichsweise moderate fünfzehn Prozent. Die Deutsche Bundesbank wäre zwar entsetzt, aber die Israelis sind dankbar für diese relative Stabilität. Schließlich litten sie noch vor wenigen Jahren unter einer Hyperinflation. Die Zahl der Beschäftigten erhöhte sich um 150 000 auf 1,625 Millionen. Drei Viertel der Arbeitsplätze entstanden im privaten Sektor, den die Regierung unter Ministerpräsident Jitzchak Schamir seit Jahren zu fördern versucht.

Doch nach der Einleitung korrigieren die Ökonomen das günstige Bild. Sie beklagen, daß die Bevölkerung genauso schnell zunahm wie das Bruttoinlandsprodukt: kein Pro-Kopf-Wachstum der Wirtschaftsleistung also. Während die Zahl der Beschäftigten in den vergangenen zwei Jahren um zehn Prozent anstieg, erhöhte sich die Zahl der Arbeitslosen fast um vierzig Prozent. Inzwischen gehen in Israel über zwölf Prozent der Erwerbspersonen stempeln – Tendenz steigend.

Das Problem ist klar: Israel wird mit der jüngsten Einwanderungswelle aus der ehemaligen Sowjetunion sowie aus Äthiopien nicht fertig. Seit Ende 1989 sind etwa 400 000 Juden ins Land ihrer Vorväter geströmt – fast fünf Millionen Menschen leben jetzt dort. Zuvor waren lediglich 17 000 bis 20 000 Einwanderer im Jahresdurchschnitt ins Gelobte Land gekommen. „Alle unsere Schwierigkeiten drehen sich um die Immigranten“, sagt Amos Rubin, Mitglied des israelischen Zentralbankrates. Mittelfristig, das weiß auch er, werden diese Menschen das Wachstum fördern. Doch dafür muß erst einmal der Eingliederungsprozeß bewältigt werden – eine harte Aufgabe für das kleine Land.

Das beginnt mit der Infrastruktur: Wohnungen, Straßen, Schulen und Kindergärten fehlen. Bauminister Ariel Scharon hat zwar in Höchstgeschwindigkeit Siedlungen aus der Erde gestampft, doch entsprechend seiner ultrarechten Überzeugung ließ er bevorzugt auch in den von Israel seit 1967 besetzten Gebieten bauen. Dort wollen aber die wenigsten Immigranten wohnen. Da half auch Scharons Werbekampagne bislang wenig: Etwa 10 000 Wohneinheiten im Westjordanland und im Gazastreifen stehen leer. Die Siedlungspolitik des Bauministers in den besetzten Gebieten hat nach Angaben der oppositionellen Bewegung „Frieden jetzt“ allein 1991 eine Milliarde Dollar gekostet. Die Summe wäre im Umkreis der Ballungszentren besser angelegt gewesen – vor allem für arbeitsplatzschaffende Investitionen.

„Das größte Problem sind die Arbeitslosen“, betont Amos Rubin von der Zentralbank. Die Regierung Schamir hofft auf die Unternehmen, aber die wissen auch keine Lösung. Der israelische Industrieverband gibt deutlich zu verstehen, daß die ihm angehörenden Firmen vorläufig ihre Wachstumsgrenzen erreicht haben. In den vergangenen zwei Jahren stellten sie immerhin 42 000 Immigranten ein. Das ist viel für einen Wirtschaftszweig, in dem überhaupt nur ein Unternehmen mehr als 10 000 Angestellte beschäftigt. „Wenn die Konjunkturflaute, die sich schon Ende des vergangenen Jahres abzeichnete, anhält, werden wir sogar wieder welche entlassen müssen“, warnt der Generaldirektor des Industrieverbandes, Yoram Blizovsky. Die Unternehmen fühlen sich von der Regierung im Stich gelassen, die ihrer Meinung nach mehr Geld in staatliche Investitionsprogramme pumpen muß.

Die ersten Bettler sitzen in Tel Aviv auf der Straße, im eigenen Land kannten die Israelis solche Zeichen der Armut bisher nicht. Einwandererfamilien aus Rußland versuchen als Straßenmusikanten ihr karges Einkommen aufzubessern Der Staat sorgt zwar für den Unterhalt der Immigranten – einschließlich eines Sprachkurses im Hebräischen jedoch höchstens ein Jahr lang Wer bis dahin keine Arbeit gefunden hat, ist auf staatliche Almosen angewiesen. Eine Sozialversicherung gibt es zwar, aber leben kann man davon kaum. Bereits 1990 lebten der Züricher Weltwoche zufolge rund 540 000 Menschen in Israel unter der Armutsgrenze.