Sie kann auf vielen Sätteln reiten, hat so gut wie alle literarischen Genres ausprobiert und sich nicht schlecht dabei gehalten. Eine Kunst, die nur wenige Autorinnen auszeichnet. Die Rede ist – es gibt nicht viel zu raten – von Joan Aiken.

Die von ihr favorisierte Zeit umschließt die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts, und die dramaturgischen, personellen und atmosphärischen Anleihen bei Jane Austen und Charlotte Brontë, bei Wilkie Collins und Charles Dickens sind ihren Romanen nicht zum Schaden ausgeschlagen.

Daß sie beste Kolportage sind – wer wollte ihnen das ankreiden, da sie andere Ansprüche nicht erheben. Zwar sind ihre Ausflüge in die Welt der parapsychologischen Phänomene nicht ganz so geglückt, dafür entschädigen aber ihre hervorragenden Psychothriller und – ihre Kinderbücher.

Vor Jahren schon erschien, beginnend mit „Wölfe ums Schloß“, eine lose zusammenhängende Folge von herrlichen Schmökern, angesiedelt in einer pseudodickensschen Welt, witzigerweise ohne Queen Victoria, statt dessen mit einem Stuart an der Spitze des Empires. Nach dem klassischen „Reigen“-Schema wird jeweils eine Nebenfigur des vorhergehenden Bandes mit in den nächsten hinübergenommen, um dort als Protagonist mit des Geschickes Mächten und den dazugehörigen Dunkelmännern zu kämpfen.

Daß damit die Fähigkeiten Joan Aikens noch längst nicht ausgeschöpft sind, beweist sie mit einer Fülle rabenschwarzer, hämisch-eleganter Gruselgeschichten, deren vierter Band nun auf deutsch vorliegt. Diese Kabinettstückchen einer makabren Phantasie bestätigen wieder einmal die von Dürrenmatt aufgestellte Behauptung, daß eine Geschichte erst dann zu Ende gedacht sei, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen habe. In dieser Hinsicht dürfte Dürrenmatt zufrieden sein.

Will man der Fama Glauben schenken, ist Joan Aiken in einem Spukhaus aufgewachsen; einleuchtend daher, daß ihr Umgang mit der vierten Dimension, mit den sonderbar kalten Stellen in der Wohnung, den unvermutet zuschlagenden Türen, den zirpenden Stimmen, den als Notausgang zu benützenden Spiegeln, unbefangen ausfällt.

Einleuchtend ebenfalls, daß, in der ersten Erzählung, die Häusermakler des Bilderbuchstädtchens Crowbridge – nicht weit vom Ärmelkanal, kopfsteingepflastert und mit Schornsteinkappen aus der Tudorzeit – auf die erwartungsvolle Frage aller Käufer: „Und natürlich spukt es dort?“ nur äußerst ungern zugeben: „Ich fürchte, zur Zeit gerade nicht.“ Kein Gespenst im Haus zu haben gilt entschieden als wertmindernd. Souverän überträgt Joan Aiken auch Elemente des volkstümlichen Schauermärchen ins englische Familienleben von heute, wenn etwa die Klage des heimtückisch ermordeten Mädchens eben nicht mehr, wie bei Bechstein, aus dem zur Flöte gebohrten Knochen erschallt, sondern aus einem hinterbliebenen Ohrring.