Von Ulrich Stiehler

Immer dasselbe: Wenn die deutsche Wirtschaft in die Spätphase der Konjunktur eintritt, die Tarifauseinandersetzungen härter werden, kehren die latenten Zweifel an der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland in die Schlagzeilen zurück.

Für Zeitgenossen mit solidem Langzeitgedächtnis ist dies weder überraschend noch ein Grund zur Aufregung. Unerfreulich ist nur, wenn die öffentliche Diskussion auf falsche Fährten gelockt wird. Jüngstes Beispiel ist das Jammern darüber, daß die deutschen Investitionen im Ausland die ausländischen Investitionen in Deutschland um ein Vielfaches übersteigen. Dies, so wird fix geschlossen, zeuge von der nachlassenden Attraktivität Deutschlands als Investitionsort. Unerwähnt bleibt meist, daß in Japan der Abstand zwischen ausländischen Investitionen im Inland und japanischen Investitionen in anderen Ländern mehr als dreimal so groß ausfällt wie in Deutschland. Ist Japan also kein Land zum Investieren?

Die wirkliche Frage lautet, ob Japan und Deutschland für ausländische Investoren überhaupt attraktiver sein sollten als andere Standorte in der Welt. Beide Volkswirtschaften zählen in der Produktionstechnologie zur Weltspitze, beide Volkswirtschaften haben – nicht zuletzt wechselkursbedingt – die höchsten Kosten der Welt (Arbeitskosten in Deutschland, Grundstücks- und Mietkosten in Japan). Schon nach den Gesetzen der Ökonomie sollte man erwarten, daß aus hochentwickelten Volkswirtschaften dieses Kalibers Investitionskapital abfließt, um höhere Renditen dort zu erzielen, wo Kapital knapper ist.

Leider bedeutet dies nicht, daß Auslandsinvestitionen vor allem in arme Länder fließen – im Gegenteil. Achtzig Prozent des transferierten Kapitals wird wiederum in Industrieländern angelegt, vor allem in solchen mit chronisch schwacher Kapitalbildung (Vereinigte Staaten und Großbritannien) oder solchen mit besonderem Aufholbedarf (Spanien). Wenn von diesem Investitionsstrom wenig in Deutschland hängenbleibt, so hat dies nicht nur mit Deutschlands relativem Kapitalreichtum zu tun. Dies hängt auch mit dem sanften Widerstand zusammen, auf den Ausländer nicht selten stoßen, wenn sie hierzulande Unternehmen, Grundstücke oder Beteiligungen erwerben wollen.

Auffallend ist nicht, wie hoch, sondern wie niedrig die deutschen Auslandsinvestitionen sind, wie weit sie hinter Deutschlands Gewicht im Welthandel zurückbleiben. Ein Teil der Erklärung liegt in der mittelständischen Struktur der deutschen Industrie und im Fehlen weltweit operierender Rohstoff- und Ölkonzerne, die etwa für die ungewöhnlich hohen britischen Auslandsinvestitionen verantwortlich sind. Hinzu kommt, daß die deutsche Industrie ihre strategischen Auslandsinvestitionen in der Vergangenheit nicht auf kostengünstige Standorte für die Exportproduktion, sondern auf große Binnenmärkte mit vermeintlich unbegrenztem Kaufkraftpotential konzentrierte. Mit gezielten, kapitalintensiven Großinvestitionen versuchte sie, Handels- oder Wechselkursbarrieren zu umgehen.

Neben dem stets vorrangigen US-Markt waren Brasilien, Mexiko, Südafrika, China, der Iran und Spanien hierfür typische Beispiele. In den achtziger Jahren gab es auf diesen Märkten herbe Enttäuschungen: Terrainverlust an die japanische Konkurrenz in Amerika (während VW sein Werk in Westmoreland endgültig dichtmachte, avancierte Honda zum drittgrößten Automobilhersteller der Vereinigten Staaten); wirtschaftlicher Kollaps in Brasilien und Mexiko; politische Zuspitzung in Südafrika.