Hin- und hergerissen: Dr. Rabe. Eines der schönsten „Bilderbücher“ des Jahres, und dann so angreifbar: Die Geschichte des Christoph Columbus in Peter Sis’ „Folge deinem Traum“. Kein Wort von der Ausrottung der Indianer, kein Hinweis auf den mehr als zwiespältigen Charakter des Columbus, keine Rede von den machtpolitischen Hintergründen der Entdeckung. Und doch, eines der schönsten Bilderbücher. Im Stile alter Freskenmalerei zeichnet und malt der Prager Peter Sis, der seit 1982 in den USA lebt, den Traum eines Jungen, der nur ein Ziel hat: die Mauern einzureißen, die ihn umgeben, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Eher die hoffnungsvolle Umkehrung von Kafkas wartendem Mann vor dem Tor des Gesetzes als kritische Beschreibung des Lebens von Christoph Columbus. Eher der Kampf um eine Vision, die immer wieder verlacht wird, die an Ignoranz und Steinen abprallt, als ein brauchbares Lehrstück über Geschichte. Und doch lassen sich minutiös die Bilder eines Lebens lesen: für den Eingeweihten, in zahllosen Details versteckt (die Inschriften in englischer Sprache belassen), für den Erwachsenen, dem das Kind über die Schulter schaut. Kein Buch zum Verstehen, sondern zum Sehen, zum Nachfühlen, zum Berühren der Seiten. Ein Buch über grauschwarze Mauern, über das Rot und Schwarz der Mächtigen und das Blau eines Traumes. Am Schluß zwei korrespondierende Bilder: Columbus – noch immer ein Junge – steht allein am Strand, im Halbkreis umgeben von staunenden Ureinwohnern. Daneben: Columbus auf seiner Säule mitten in New York, im Halbkreis umgeben von staunenden Schulkindern. Die Lehrerin deutet und erklärt. Was sie sagt, bleibt so offen und sicherlich angreifbar wie das Buch. Peter Sis’ Bilder sind kein Anlaß, Columbus zu feiern, sie sind die Hoffnung, einen – oder besser: jeden – Lebenstraum zu ehren. K. H.

  • Peter Sis:

Folge deinem Traum Aus dem Amerikanischen von Michael Krüger, Carl Hanser Verlag, München/Wien 1992; 30 S., 29,80 DM