Auf dem Titelbild blickt ein Junge auf ein Haus mit gelbem Verputz und vernagelter Tür. Hier endet die Geschichte von David Grunbaum. Er wird sich in das leere Haus setzen und aufschreiben, wie ein unbeschwerter französischer Junge zu einem Judensternträger, einem elternlosen Flüchtling wird, der am Ende nichts besitzt als sein gefährdetes Leben und diese Geschichte.

Paris 1939. David versteht nicht, warum er bei Madame Bianchotti, zwei Etagen über der Wohnung der Eltern, schlafen muß. Der Vater, ein aus Polen geflohener Jude, hat mit der Vergangenheit abgeschlossen. Als sichtbarer Beweis liegt die Naturalisierungsurkunde im Schrank, sie wird hervorgeholt, wenn die Ereignisse auf den Straßen Zweifel aufwerfen. „Du bist Franzose.“ Selbst als Monsieur Grunbaum das unehrenhafte Schild „Jüdisches Unternehmen“ neben die blaue Puppe ins Schaufenster seiner Schneiderei hängen muß, hält der Vater an allem fest. Nur woran? David ahnt mehr, als der Vater wahrhaben will. Denn Grunbaum sieht sich als ordentlicher Franzose, als fleißiger Jude, als guter französischer Jude – bis er zusammen mit seiner Frau abgeholt wird.

Atemlos hetzt der Junge die Feder übers Papier, kratzt seine Fragen im Wechsel zwischen Wut und Verzweiflung. Warum? Warum? Claude Gutmans schmales Büchlein „Das leere Haus“ enthält so viele Fragen, wie es keine Antworten gibt. Als Gesprächspartner das Papier, als Begleiter den Verlust, als Umgebung die Einsamkeit: In diesen kahlen Raum stellt Gutman seinen Helden, läßt ihn schreien und toben, erzählen und erklären und immer wieder fragen. Den Vater, der nie geantwortet hat und es nun nicht mehr kann. Die Mutter, die nicht mehr kommen wird. Und den Leser, der Davids Denksprüngen folgt, der mit ihm den Faden verliert und ihn, der jetzt David Larcher heißt, plötzlich im rettenden Kloster trifft.

„Ein religiöses Gefängnis“, so empfindet David. Er entwickelt seine eigene Art von Widerstand, empört sich gegen frömmelnde Beterei, zieht beim Gottesdienst vor aller christlichen Augen das „Stoffstück der Unehre“ hervor, den Judenstern, provoziert Gefahr. David lebt mit ahnungsvoller Ungewißheit. Er fragt: „Aber was kann man im Dunkeln schon sehen?“ Und weil es keinen gibt, der ihm antworten könnte, tut er es selbst: „Alles.“ Den Vater, die Mutter, die Wohnung in Paris. Nichts.

Claude Gutman hat Davids Geschichte ein Zitat vorangestellt, in dem es heißt: „Damit unsere Zärtlichkeit oder unser Entsetzen lebendig wird, brauchen sie ein Einzelbeispiel.“ Das klingt abgegriffen und angestaubt, nur, es ist wahr. Mit dem Schicksal des David Gutman/Larcher eröffnet er eine Wirklichkeit, die so vielschichtig ist wie konkret: die Fehler im Alltag und die Tragik der Folgen, die Zuversicht des Glaubens und die Erbärmlichkeit der Realität, das Vertrauen auf Menschlichkeit und das Versagen der Menschen, der Wahnsinn eines einzelnen und die Infizierung vieler. Das alles muß Gutman nicht aussprechen, denn es umfängt „Das leere Haus“ von Anfang an, konzentriert sich in Davids stummem Wutschrei auf Papier und macht es so zum bestürzend eindrucksvollen Buch.

Das gelbe Haus. 1944 ist es ein jüdisches Kinderheim in der Lot-Region. Ein namenloser Mann mit Schnurrbart und dicken Brillengläsern hat David dorthin gebracht, zu Madame Lonia, der gütigen Ersatzmutter und strengen Kommunistin. Im Heim darf er wieder Jude sein, nur in der Dorfschule nicht.

David, inzwischen fünfzehn, verliebt sich in ein Mädchen aus dem Dorf, mit der Besessenheit, mit der sein Vater an die Naturalisierungsurkunde geglaubt hat. Unerlaubt verbringt er eine Nacht mit ihr. Am nächsten Morgen, befreit und zugleich voller Schuldgefühle, kehrt er zurück. Und mit Entsetzen sieht er den Lastwagen, auf dem die Kinder und Madame Lonia verschwinden. Allein vor dem leeren Haus, kann David nur noch eines tun. Er muß diese Geschichte erzählen.