Von Werner A. Perger

Er hätte auch seine eigene Biographie schreiben können. Weit ist er herumgekommen, viel hat er erlebt, es gäbe genug zu erzählen. Aber ehe er sich an diese Arbeit macht, sagt Henry Ries, der Amerikaner aus Berlin, hat er noch viel zu tun.

Daheim, in New York, warten ein paar bereits begonnene Projekte auf ihn. Außerdem hat er neue Ideen, die sich vor das Aufschreiben von "Erinnerungen" drängen. Und sein jüngstes Buch war ihm sowieso wichtiger. Also was soll’s? Im Herbst wird er erst 75. Alles zu seiner Zeit.

Diesen Mai verbrachte Henry Ries in Berlin. Die Stadt, in der er im September 1917 zur Welt kam und die er 1938 als 21jähriger verlassen hat, ist für ihn ein Magnet geblieben. Henry Ries lebt heute teils in Manhattan, teils draußen auf dem Lande, zwei Autostunden von New York entfernt. Aber irgendwie, so scheint es, ist Berlin "seine Stadt" geblieben. Als er fortging, wollte er nie zurückkehren, doch immer wieder ist er zurückgekehrt. Zuerst als amerikanischer Soldat, dann als Reporter der New York Times, später als Ehrengast zu Ausstellungen seiner Photographien, zu Recherchen für ein Projekt oder, wie dieses Mal, zur Vorstellung seines neuen Buchs: "Abschied meiner Generation" (Argon-Verlag).

Berlin. Gelebt, geliebt, gearbeitet hat er hier. Sein erstes Buch, über die Deutschen der Nachkriegszeit ("Deutsche. Gedanken und Gesichter"), begann Henry Ries in der Trümmerwüste. (In Amerika wurde es Anfang der fünfziger Jahre ein großer Verkaufserfolg, die deutsche Ausgabe, vielgepriesen, gibt es erst seit 1988.) Nach fast einem Vierteljahrhundert Besuchspause, Mitte der siebziger Jahre, hat er dann ein Buch über Mauer und Menschen gemacht ("Berliner Galerie") und ist dabei seiner zweiten Frau begegnet. Alles beginnt bei ihm in dieser Stadt.

Die Familie seines Vaters, eines Textilindustriellen, stammt aus Schlesien, die der Mutter, geborene Wiener, läßt sich in Deutschland bis ins 16. Jahrhundert zurückverfolgen. "Wir waren wohlanständige deutsche Juden." Mehr deutsch als Juden, sagt Henry Ries. Damals hat er Heinz geheißen. Weihnachten war das größte Fest des Jahres, die Familie Ries besuchte nur zu den höchsten jüdischen Festen, Neujahr und Yom Kippur, die Synagoge. "Ich fühlte mich als Deutscher." War er ja auch. Dann kam der 30. Januar 1933, und am Morgen danach war einiges anders. Auch in der Schule. "Bis dahin hatten wir zu dritt in einer Bank gesessen, ich in der Mitte. An diesem Morgen saß ich allein in meiner Bank." Das fand der 15jährige ziemlich blöd, doch lange hatte er unter der ungewohnten Isolation nicht zu leiden. Bei seinen "arischen" Ex-Banknachbarn siegte, noch, der Pragmatismus, sie kehrten auf die alten Plätze zurück. "Die wollten gerne in mein Heft gucken." Heinz war der Primus.

Dann aber wurde es eng für den Juden, der so "arisch" aussah. "Sie sehen gar nicht jüdisch aus, Herr Ries", hat ihm neulich eine alte Dame versichert, die er für sein Buch interviewte. Das hat ihn an die Berliner Schultage erinnert, an die Zeit nach der "Machtergreifung" und an den neuen Biologielehrer, der die Sache mit der Rasse vortrug. Am Beispiel Ries. "Ich sah wahrscheinlich arischer aus als alle anderen. Blond. Blauäugig. Relativ groß. Noch nicht mal ’ne krumme Nase. Er sagte: ‚Guckt euch mal die Augen an, nicht wahr?‘ Dann mußte ich mein Profil zeigen. ‚Diese gerade Linie, Nase und Stirn, ganz besonders der musikalische Hinterkopf.‘ Da war natürlich Gekicher." Der Schüler hat den Lehrer dann aufgeklärt: "Ich bin Volljude." Am Ende des Jahres, nach dem "Einjährigen", ging Henry Ries von der Schule ab. Er begann eine Lehre als Radiomechaniker und beschäftigte sich mit Photographie: Einstieg in ein lebenslanges "Hobby".