Von Udo Perina

Berlin: Im Flur der Verbraucherzentrale sitzt weinend eine ältere Frau aus dem Ostteil der Stadt. Fast die Hälfte ihrer Ersparnisse hatte sie gleich nach der Wende dem Unternehmen Ambros gegeben, um von "hochkarätigen US-Investments" zu profitieren. Aber Ambros ist pleite und das Geld weg. "Macht nichts", hatte ihr der sympathische Vertreter der Amsterdamer Firma Macopa gesagt. Sie könne das verlorene Geld durch eine Beteiligung an einer neuen Europa-Lotterie schnell zurückgewinnen. Nachdem jetzt Macopa-Mitarbeiter verhaftet wurden, ist sie wohl auch den Rest ihrer Ersparnisse los.

Leipzig: Joachim, neunzehn Jahre, arbeitslos, spricht kein Wort mehr mit seiner Nachbarin Jutta, einer alten Sandkastenfreundin. Vergangenen Sommer hatte sie ihn dazu überredet, einen Sparvertrag der Paderborner Vermögensverwaltung GmbH zu unterzeichnen. Nun kann er die Monatsrate von fünfzig Mark nicht mehr überweisen, und die Firma hat ihn auf Zahlung einer Abgangsentschädigung von 3700 Mark verklagt.

Prödel: Völlig falsch beraten fühlt sich Bürgermeister Jürgen M. Kurz nach der Vereinigung hatten er und seine Frau einen Geldexperten empfangen, um sich eine gewinnbringende Kapitalanlage empfehlen zu lassen. Der Berater kam von einem der größten deutschen Vertreiber von Finanzdienstleistungen, der Objektiven Vermögensberatung OVB, Köln, die zur Finanzgruppe des Deutschen Rings gehört. Statt einer attraktiven Geldanlage diente er dem Ehepaar jedoch zwei unrentable Bausparverträge an. Dabei besitzen die beiden bereits ein Haus – Bausparen ist für sie die reinste Geldvernichtung.

Die neuen Bundesländer sind zu einem Eldorado für die westdeutsche Geldbranche geworden. Banken, Versicherungen und unübersehbare Scharen von freien Vermittlern buhlen um die Ersparnisse im Osten. Jeder Neubürger hatte zum Beginn der Währungsunion im Durchschnitt 7500 Mark auf dem Sparbuch, insgesamt waren das 120,3 Milliarden Mark. Nach der Wende ging der typisch deutsche Sparsinn zwar zunächst verloren, doch schon im zweiten Halbjahr 1991 wurde wieder jede zehnte Mark des Einkommens auf die hohe Kante gelegt, die Ersparnisse der privaten Haushalte in Ostdeutschland stiegen um 12,1 Milliarden Mark.

Beim Kampf um dieses Geld nutzen provisionshungrige Vermittler ungeniert die Unerfahrenheit vieler Ostbürger aus. Lebensversicherungen und Bausparverträge mit ungünstigen Konditionen werden verkauft, die Risiken von Investmentfonds verschwiegen, und auf die Bedürfnisse der Kunden wird kaum Rücksicht genommen. Reihenweise würden den Bürgern im Osten sinnlose oder zu teure Produkte angedreht, berichtet Volker Pietsch, Referent für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Berlin. Doch sei das nicht das größte Problem. Noch schwerer wiege die beängstigende Zunahme dubioser Angebote auf dem freien Kapitalmarkt. Massenhaft würden Produkte angeboten, die über kein Einlagenversicherungssystem abgesichert seien.

Die Berliner Verbraucherzentrale hat eine schwarze Liste mit Firmen veröffentlicht, deren Angebote ihr negativ aufgefallen sind. Darunter eine Liechtensteiner Firma namens Orpheus, die mit "Festgeldrenditen" bis zu 65 Prozent lockt. Oder eine Pro Tourist AG, Zürich, die "bis zu zwanzig Prozent Kapitalzuwachs jährlich, davon elf Prozent garantiert durch Schweizer Bank", verspricht. Auch Vermittler von Time-sharing-Angeboten oder Beteiligungen an Auslandsimmobilien tummeln sich am grauen Kapitalmarkt im Osten. So verkauft eine Gran-Chaco Tour AG in einem ärmlichen Blechcontainer auf einem Ostberliner Trümmergrundstück Beteiligungen am "Aufbau einer deutschen Urlaubersiedlung" in der "romantischen Ur-Wildnis" Paraguays.