Von Manfred Sack

Der Gemeinderat von Melsungen hat es sich hoffentlich nicht leichtgemacht, dieses schöne, sanft umhügelte Tal zum Bauen freizugeben: Wieder ein Stück Landschaft weniger, und ein so riesengroßes. Doch nun, nachdem der erste Teil der ausladenden Fabrik auf dem 27 Hektar großen Gelände eröffnet worden ist, kann er tief Luft holen und sich zufrieden zurücklehnen: Glück gehabt!

Denn was der südlich von Kassel liegenden adretten alten Fachwerkstadt drohte, hatten kurz vorher die ersten Industrie- und Gewerbebetriebe vor Augen geführt. Mit ihren üblichen Architektur-Rüpeleien, ihren üblen Kisten und Kästen. Augen zu, Gewerbesteuer her! Zumal da es in einer Gegend geschah, die einem rasch als "strukturschwaches Nordhessen" bekannt gemacht wird, in der man lieber auf Schönheit pfeift als auf krisenfeste Arbeitsplätze. Aber: Glück gehabt!

Denn es gibt hier eine Aktiengesellschaft, die bei weitem größte Firma am Ort, die, weil sie ein großer Familienbetrieb geblieben ist, in einer Person versammelt ist, in Ludwig Georg Braun, dem Vorsitzenden des Vorstandes der B. Braun Melsungen AG. Und er ist, wovon viele Gemeinden nur träumen können, ein anspruchsvoller, ein qualitätsbewußter Bauherr.

Der wollte weder eine x-beliebige Schnell-Architektur von irgendeinem gefälligen Hauruck-Architekten noch eine bloß auffallende, mit der sich für die Werbung Lärm schlagen ließe. Er wollte auf der "uns anvertrauten Fläche" eine neue, aber originelle Fabrik gebaut haben, mit dem es gelänge, ein Freundschaftsverhältnis zu ihrer Umgebung zu knüpfen, mit gehörigem Selbstbewußtsein. Und so lud die Aktiengesellschaft, deren Vorfahr eine 1839 in Melsungen von einem Braun gegründete Apotheke ist, elf Architekten zu einem Wettbewerb ein. Doch sie folgte dann doch nicht dem Votum des Preisgerichtes, sondern ließ sich lieber mit einem schrecklich erfolgreichen Querkopf ein, der mit seinem Entwurf nur Zweiter geworden war: mit Sir James Stirling aus London.

Der Name ließ nach der so unheimlich populären Stuttgarter Staatsgalerie und der so unheimlich historistischen Groteske seines Berliner Wissenschaftszentrums eine Menge Skurriles erwarten, aber nicht diese unaufgeregte, sachliche, dabei pfiffige Architektur. Was war los mit dem postmodernen Monumental-Eklektiker? Hatte er sich seiner früheren Industriearchitektur erinnert, die ihn einst berühmt gemacht hatte? Die Erklärung läßt sich schon vermuten, wenn man die ganze Verfasserschaft liest: James Stirling, Michael Wilford and Associates, London, mit Walter Nägeli, Berlin (und dessen Büro). Der jüngste Stirling-Bau ist so anders, weil er auf den Berliner Reißbrettern seines ehemaligen Angestellten und Mitarbeiters Nägeli entworfen wurde – unter dem Namen des zum Wettbewerb geladenen Stirling, wie es in der Zunft so üblich sein darf. Sollte der Bauherr mit dem berühmten Namen spekuliert haben, kann auch er sich zurücklegen: Glück gehabt!

Bei der Einweihung vorige Woche fand sogar der Melsunger Pastor preisende Worte dafür, daß "hier nicht nur (in die Landschaft) eingegriffen, sondern auch bewahrt" worden sei. "Fällen und pflanzen" – es ging schließlich um das riesige Projekt einer Firma, die jetzt in Melsungen mehr als 4000 (weltweit 19 200) Menschen beschäftigt und mit ökologischem Ehrgeiz umweltbewußt Gegenstände herstellt und in alle Welt liefert, die der Heilung von Menschen dienen: Kunststoffprodukte für Krankenhäuser und Ärzte, Einwegkanülen, Katheter, Sonden, Infusionspumpen, Drainagen und dergleichen.