Von Hans-Christoph Blumenberg

„Mitten im Grunewald liegt ein abgeschlossener Bezirk, den man nur nach mancherlei Prüfungen betreten darf. Er ist eine Wüste in der Oase. Die Natürlichkeiten draußen – Bäume aus Holz, Seen mit Wasser, Villen, die bewohnbar sind – haben innerhalb seiner Grenzen ihr Recht verloren ... Man befindet sich in der Filmstadt der Ufa zu Neubabelsberg. Sie enthält auf einer Fläche von 350 000 Quadratmetern die Welt aus Papiermache. Alles garantiert Unnatur, alles genau wie die Natur.“

Siegfried Kracauer, „Kaliko-Welt“, 1926

Donnerstag, 13. Februar 1992. Am letzten Drehtag verlassen wir das Atelier, in dem wir zwei Wochen lang gearbeitet haben: einen Kunstraum aus architektonischen Zitaten, von „Metropolis“ bis „Münchhausen“, vom „Blauen Engel“ bis zum Wunschkonzert. Ulrich Tukur, mein Maître de plaisir, der spielend, singend, fragend durch die Geschichte der Ufa geführt hat, stößt das eiserne Tor des Ateliers „Neue Ost“ auf. Wir gehen über den Platz vor der größten der Babelsberger Hallen, die vor kurzem der früh entschwundenen, spät umworbenen Marlene Dietrich gewidmet worden ist. In einem Seitentrakt dreht der Kollege Frank Beyer eine deutsch-deutsche Komödie. In diesen Tagen sieht er selten lustig aus.

An der alten Pforte der Ufa, einst schwerbewachter Eingang zur Trutzburg deutscher Träume, drehen wir die letzte Szene unseres Films. Vor dem ehemaligen Vorstands-Gebäude, in dem seit ein paar Monaten der Fernsehintendant Hansjürgen Rosenbauer sitzt, ein Herrscher noch fast ohne Programme, stehen trotzig ein paar Trabis neben bunteren West-Karossen. Dort, wo die Stars der Ufa vor einem halben Jahrhundert zu speisen pflegten, in einem Bungalow mit Butzenscheiben, gleich rechts hinter den Pförtner-Häuschen, befindet sich noch immer das Stofflager der Defa. Im Winter 1992 wirkt das ganze Gelände seltsam marode.

Zurück in die „Neue Ost“: keine große Halle, nicht einmal eine, die der Hauch von Legenden umweht. Die „Neue Ost“ und ihre westliche Zwillingsschwester sind erst 1938 eingeweiht worden, vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, als Bestandteile der Deutschen Filmakademie. Bei der Gründungsfeier wünschte Dr. Joseph Goebbels der Kunst mehr Können als Wollen und tat drei symbolische Hammerschläge. 1943 drehte die Filmstudentin Hildegard Knef in der „Neuen Ost“ ihre ersten Übungsfilme. Nach dem Krieg entstanden hier zum Beispiel viele Szenen von Wolfgang Staudtes Märchenfilm „Die Geschichte vom kleinen Muck“ (Defa, 1953).

Für unseren Film, eine szenisch-musikalisch-dokumentarische Collage über Aufstieg und Fall des größten deutschen Filmkonzerns zwischen 1917 und 1945, sind viele der alten Ufa-Stars nach Babelsberg zurückgekehrt. Camilla Spira hat hier 1932 noch in „Morgenrot“ gespielt, einem heroischen, todestrunkenen U-Boot-Epos, in dem Rudolf Forster den berühmt gewordenen Satz zu sagen hat: „Wir Deutschen verstehen vielleicht nicht zu leben, aber zu sterben verstehen wir fabelhaft.“ Zur Gala-Premiere am 4. Februar 1933 erscheint der neue Reichskanzler Adolf Hitler höchstpersönlich und applaudiert den Darstellern. Wenige Wochen später darf die Jüdin Camilla Spira das Ufa-Gelände nicht mehr betreten. Wenn sie von dieser Zeit erzählt, stockt ihr bisweilen die Stimme.